Sie saßen sich an dem Küchentisch mit Resopalplatte gegenüber – Betty Chivers und Elsie Winthrop. Ihre Teetassen waren leer. Betty hatte geweint, ihre Augen waren rot und geschwollen, und ihre Nase glühte, so oft hatte sie mit dem Taschentuch daran herumgerieben. Wie ist es nur möglich, daß ein hübsches, lebhaftes Mädchen so enden kann, dachte er.
Mrs. Winthrop blickte auf, und als sie sah, wer es war, fragte sie aggressiv:
»Oh, du bist’s, was willst du hier?«
»Mrs. Chivers besuchen«, antwortete er steif.
»Jerry war bei mir angestellt. Habe es eben – eben erfahren. Die Polizei war bei mir.« Mrs. Chivers flüsterte:
»Es ist schon gut, Elsie.« Mrs. Winthrop erhob sich majestätisch.
»Dann geh ich für eine Weile nach Hause und sag Jess, sie soll den Tee für die Männer vorbereiten. Später komm ich wieder, Betty.« Als sie fort war, ließ Newman sich auf dem frei gewordenen Stuhl nieder und sagte freundlich:
»Es tut mir so leid, Betty.« Sie antwortete nicht, und er fuhr ein wenig verlegen fort:
»Wenn es etwas gibt …«
»Nein.« Sie streckte die Hand aus und berührte leicht seinen Ärmel, riß die Hand aber gleich darauf wieder zurück, als habe sie sich eine unerhörte Freiheit erlaubt.
»Alles in Ordnung, Dudley. Elsie kümmert sich ein bißchen um mich – und ich schaff es schon.«
»Trotzdem, wenn du was brauchst, kannst du auf der Baustelle eine Nachricht für mich hinterlassen. Ist nicht nötig, daß du mich zu Hause anrufst.« Sie nickte. Gleich darauf blickte sie auf und sagte mit einem schwachen, rührenden Unterton von Bewunderung in der Stimme:
»Du hast es weit gebracht, Dudley.«
»Ja, ziemlich weit«, sagte er ausdruckslos.
»Ich weiß es zu schätzen, daß du für Jerry dein Bestes getan, ihm all die Jahre einen Job gegeben hast. Ich weiß sehr gut, wie er sich gegenüber anderen benommen hat. Die Menschen haben ihn nicht verstanden, und er ist mit ihnen nicht zurechtgekommen.«
»Etwas anderes hätte ich doch nicht tun können, oder?« brach es ärgerlich aus ihm heraus, dann seufzte er, hob die Hände, als wollte er jede eventuelle Zurechtweisung wegschieben.
»Ich meine es nicht so, wie es geklungen hat, Betty. Ich war froh, daß ich helfen konnte.« Er sah sich in der Küche um und stieß, ohne sich zurückhalten zu können, hervor:
»Guter Gott, Betty, ich hätte nie gedacht, daß du so enden würdest.«
»So schlecht geht es mir gar nicht«, antwortete sie mit einer Spur von Trotz.
»Ich – ich fühle mich verantwortlich …«
»Das bist du natürlich nicht, Dudley. Rede keinen Unsinn. Worauf du anspielst – nun, wir waren damals noch Kinder. Ich sechzehn und du …«
»Neunzehn«, sagte er schwer.
»Betty, ich möchte die Kosten für Jerrys Beerdigung übernehmen. Er war mein Angestellter und soll einen anständigen Abschied bekommen. Widersprich jetzt nicht. Wir reden später darüber, wenn dir danach ist.« Er stand auf und ging zur Tür. Als er zurückblickte, saß sie noch immer da, wie er sie verlassen hatte, in dieser schäbigen Küche. Er holte seine Brieftasche heraus und schob zwei Zwanzigpfundnoten hinter eine Keramikhenne auf der Anrichte.
»Als erste Überbrückung. Ich komme später noch einmal, Betty, wegen der Beerdigung.« Zu seinem Wagen zurückeilend, sah er erst, als er ihn schon fast erreicht hatte, daß Elsie Winthrop ihn mit unerbittlich grimmiger Miene erwartete.
»Ich habe gewartet, bis du rauskommst«, sagte sie,
»weil ich sehr gut weiß, warum du hier bist, und es ist nur recht und billig, daß du was für sie tust. Aber paß bloß auf. Ich kann mir nämlich vorstellen, daß es dir nicht recht wäre, wenn die Leute es erfahren würden, oder?«
»Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, sagte er zornig. Sie warf ihm einen boshaften Blick zu.
»Genau das hab ich vor. Deshalb sag ich dir jetzt, laß unseren Alwyn in Ruhe. Ich weiß, daß du mit ihm gesprochen hast, weil du Greyladies kaufen möchtest. Nun, die Farm wird jetzt nicht verkauft und wird nie verkauft werden. Du kannst Alwyn in Ruhe lassen – laß gefälligst meine ganze Familie in Ruhe!«
»Du dummes Frauenzimmer, ist dir nicht klar –«, begann er und legte seine ganzen Gefühle in seine Worte. Sie unterbrach ihn.
»Ich weiß genau, was für ein Spiel du spielst, meine Junge. Schließlich bin ich nicht von gestern. Bleib nur von meinen Männern weg. Ruf auch nicht bei uns zu Hause an. Dein Leben lang, wohin du auch gegangen bist, hast du den Leuten nur Kummer und Sorgen gebracht, Dudley Newman. Also denk dran! Ich lasse nicht zu, daß du meiner Familie was antust. Vergiß es nicht!«
Als Markby zu sich kam, lag er noch immer an der Stelle, wo er gestürzt war, im Gras. Der BMW war verschwunden. Markby setzte sich auf, zuckte zusammen und betastete vorsichtig den Kopf. Er tat weh, und hinter der Schläfe hämmerte es scheußlich. Der Schmerz kam in Wellen, die über ihm zusammenschlugen, und vor seinen Augen kam und ging wirbelnder Nebel. Er bemühte sich, ganz zu sich zu kommen, wartete, bis der letzte Nebel, die letzten Sterne verschwanden, die vor seinen Augen tanzten.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, und als er einmal ungeduldig versuchte, zu früh aufzustehen, fuhr ihm wieder ein stechender Schmerz nicht nur durch den Schädel, sondern auch durch den Nacken bis in die Wirbelsäule, und er war gezwungen, sich wieder ins Gras zu legen. Es war Jahre her, seit er so fachmännisch zusammengeschlagen worden war. Aus einem Winkel seines Gedächtnisses tauchte der Satz
»erhielt einen schweren Schlag« auf, und er sah ein verschwommenes Bild eines viel jüngeren Selbst, das, in einem Zeugenstand stehend, eine Aussage machte. Er konnte sich an den Fall jetzt nicht erinnern, es war eine Ewigkeit her.
»Krasse Blödheit«, murrte er.
»In deinem Alter und mit deiner Erfahrung. Läßt es zu, daß jemand sich an dich anschleicht – es war ja nicht so, als hättest du nicht gewußt, daß er da drüben im Wald lauerte.«
Verlegenheit und Demütigung waren viel schlimmer als Schmerz, Schwindelgefühl und Unannehmlichkeit. Er saß in letzter Zeit zuviel am Schreibtisch, soviel war klar. Er vergaß, wie es war, ganz dicht am Geschehen zu sein. Der blutigste Anfänger hätte nach dem ersten Blick auf den verdächtigen BMW über Funktelefon Verstärkung angefordert.
Aber körperlich ging es ihm besser. Er schaute auf die Uhr. Er war nicht lange bewußtlos gewesen – hatte alles in allem etwa zwanzig Minuten hier gelegen, obwohl er das Gefühl hatte, es müsse viel länger gewesen sein. Der Schlag war nicht so heftig gewesen, nur eben hart genug, und er war bestimmt von einem Profi geführt worden.
Bedauernd sah er, daß die Knie seiner Hose und die Ellenbogen seines Jacketts Grasflecke hatten. Als er den Stoff zu säubern versuchte, fiel sein Blick auf einen Kugelschreiber, der in der Nähe lag. Er griff danach, und ihm fiel sein Notizbuch ein. Es war nicht mehr da.
Markby suchte es eine Weile, doch der Fahrer des BMW hatte es mitgenommen. Außerdem konnte er sich verflucht an keine Zahl des Kennzeichens erinnern, das er sich notieren wollte. Normalerweise hätte sein trainiertes Gehirn sich die Zahlen gemerkt, doch der Schlag hatte sie erfolgreich ausgelöscht.
Er stand auf und ging zu seinem Wagen zurück. Mit einem raschen Blick stellte er fest, daß ihn jemand gründlich und fachmännisch durchsucht hatte. Doch nichts war gestohlen oder beschädigt worden. Der Fahrer des BMW hatte nur nachgesehen. Wahrscheinlich hatte er auch – Markby griff in die Innenbrusttasche seines Jacketts. Ja, seine Brieftasche war herausgenommen und wieder zurückgetan worden. Alles war noch da, aber unordentlich hineingestopft. Der Fahrer des BMW hatte seinen Polizeiausweis entdeckt und genau untersucht. Was würde er jetzt tun? Sich so schnell und so weit wie möglich aus dem Staub machen, vermutlich.
Markby setzte sich mit dem Revier in Verbindung, meldete, was passiert war, und gab Order, den dunkelblauen BMW mit getönten Scheiben und spanischem Kennzeichen zur Fahndung auszuschreiben. Gereizt lehnte er das Angebot ab, sich abholen zu lassen, und fuhr langsam nach Bamford zurück, wo er die Jungs von der Spurensicherung bat, die Türgriffe seines Wagens und seine Brieftasche auf Fingerabdrükke zu untersuchen. Doch der Fahrer des BMW würde keinen so elementaren Fehler begangen und Fingerabdrücke hinterlassen haben. Der Mann war ein Profi. Aber wer war er?
Markby war erleichtert, sein Büro bei seiner Rückkehr leer vorzufinden. Pearce war noch nicht von der Baustelle zurück, und Laxton sei vor einer halben Stunde in die Stadt gegangen, berichtete Wpc Jones, die ihm heißen Kaffee und Aspirin brachte – und außerdem Mitleidsbezeugungen vom ganzen Haus.
»Warum fahren Sie nicht schnell ins Cottage Hospital rüber, Sir? Die sollten sich Ihren Kopf ansehen.«
»Ich bin in Ordnung«, knurrte er wütend.
»Sie könnten eine Gehirnerschütterung haben«, sagte sie sachkundig. Er starrte sie wütend an.
»Ich habe keine Gehirnerschütterung.«
»Sein aufbrausendes Temperament ist jedenfalls davon nicht besser geworden«, sagte Wpc Jones zum Diensthabenden, als sie wieder unten war.
Pearce kehrte ein wenig später ins Revier zurück und fand seinen Chef beim Schreiben eines Berichts über den Zwischenfall vor.
»Legen Sie das auf Mr. Laxtons Schreibtisch«, bat Markby und reichte Pearce den Bericht.
Pearce tat es und drückte sein Bedauern über das aus, was Markby zugestoßen war. Sein Chef knurrte und winkte ungehalten ab.
»Was haben Sie erreicht?«
Pearce berichtete, er sei auf der Baustelle wenig erfolgreich gewesen, wo, wie er sagte, beinahe Meuterei herrschte.
»Sie sind alle halb verrückt vor Angst, seit sie von dem Mord an Hersey erfahren haben. Sie denken, daß ein Irrer frei rumläuft, der sie einen nach dem anderen umbringen wird. Ein paar haben sogar gefragt, ob Daley wirklich auf und davon oder vielleicht längst in einem Graben verbuddelt ist.«
»Um Himmels willen!« sagte Markby bestürzt.
»Das ist ein Gedanke. Aber wir haben ihn nicht gedacht. Vielleicht hätten wir es tun sollen.«
»Riordan, das ist der Mann, der mit Daley einen Wohnwagen bewohnt hat, wurde vorübergehend zum Polier ernannt, aber es wird sehr wenig gearbeitet.«
»Leute haben schon früher gemordet, um befördert zu werden«, stellte Markby fest.
»Haben Sie Riordan und Hersey nicht bei einem Streit überrascht? Was für ein Typ ist Riordan Ihrer Meinung nach?«
»Raffiniert. Spielt sehr geschickt den einfachen Arbeiter, ist aber unglaublich gerissen. Der Bauleiter hat mich mehr oder weniger gewarnt, auf der Hut zu sein. Riordan ist freundlich. Dreht sich im Kreis, während er Ihnen gleichzeitig Tee anbietet. Er ist ein großer Kerl, aber ob er gewalttätig ist … Er hat mir ganz offen gesagt, daß er Hersey nicht mochte. Er hat mir, als ich das erste Mal bei ihm war, sogar erklärt, eines Tages würde jemand Hersey den Hals brechen.«
»Das hat er tatsächlich gesagt?«
»Ja, aber da er’s gesagt hat, hätte er es wohl kaum getan, oder? Ich denke, er hat es nur bildlich gemeint, wollte mir begreiflich machen, wie unbeliebt Hersey war. Keiner hat Hersey gemocht, und das haben sie auch sehr deutlich gesagt, aber mehr geben sie nicht zu. Etwas anderes habe ich nicht aus ihnen rausbekommen. Keiner hat privat mit ihm verkehrt, und keiner weiß etwas über sein Privatleben. Als ich ging, hockten sie alle um ein Kohlebecken herum und diskutierten, ob sie die Baustelle geschlossen verlassen sollten oder nicht. Riordan will übrigens, daß sie bleiben. Aber wessen Vorgesetzter sollte er auch sein, wenn sie alle gehen?«
»Ob wir morgen noch jemanden vorfinden, wenn wir rauskommen?« sagte Markby resigniert.
»Allmählich beginnt Newman mir leid zu tun.«
Später waren es jedoch weder Hersey noch Daley, noch Newmans Schwierigkeiten mit den Arbeitern, die Markby beschäftigten. Es war nicht einmal sein schmerzender Kopf. Es war DCI Laxton.
»Er hat uns eingeladen, im Crossed Keys ein Glas mit ihm zu trinken«, sagte er zögernd zu Meredith.
»Das hat mich ein bißchen in Verlegenheit gebracht. Ich meine, ich kann nicht behaupten, daß er mein Fall wäre, aber er ist ein Kollege, er ist fort von daheim, und er wohnt im Crossed Keys – kein sehr angenehmes Haus, um allein zu sein. Deshalb hab ich mir gedacht, wir könnten gegen acht dort vorbeischauen und ganz schnell etwas mit ihm trinken.«
»In Ordnung«, sagte sie.
Meredith hoffte, daß man ihrer Stimme nicht anmerkte, wie erleichtert sie war, weil es sich um eine so alltägliche Bitte handelte. Sie hatte befürchtet, er könnte sich zurückgewiesen fühlen, seit sie auf seinen Kuß nach ihrem Besuch im Fox and Hounds so kühl reagiert hatte. Oder daß er die vertrackte Auseinandersetzung über den künftigen Verlauf ihrer Beziehung von neuem vom Zaun brechen könnte. Doch entweder war er derzeit zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzubrüten, oder er hatte sich ganz bewußt entschlossen, die Angelegenheit vorläufig auf die lange Bank zu schieben. Egal, was es war, er sprach jedenfalls erfreulich sachlich. Und das war ihr recht.
»Wie heißt Ihr Kollege von Scotland Yard?« fragte sie.
»Laxton?«
»Richtig.«
»Was macht er überhaupt hier?«
»Oh, Sie wissen doch, wie das ist«, sagte Markby vage.
»Sie schicken diese Leute manchmal aufs Land, um zu sehen, was wir machen.« Als sie Laxton in der Lounge-Bar des Crossed Keys trafen, trug er keinen Straßenanzug mehr, sondern Slacks und einen flotten italienischen Pullover. Die Lounge-Bar war nicht gerade Bamfords beliebtester Treffpunkt, und sie hatten sie mehr oder weniger für sich allein, abgesehen von ein paar Handelsvertretern, die in einer Ecke über Geschäfte redeten, und einem Mann mittleren Alters, der Zeitung las und sich gleichzeitig mit dem Barmann unterhielt.
»Was trinken Sie?« fragte Laxton vergnügt. Markby dachte an seinen Kopf und bat um ein Glas Tomatensaft. Meredith, die von seinem Erlebnis nichts wußte, sah leicht verblüfft aus, bestellte aber, um nicht zurückzustehen, einen Ananassaft.
»Oh, zwei Antialkoholiker, wie?« sagte Laxton.
»Oder ist es wegen« – er begegnete Markbys Blick und sagte entgegen seiner ursprünglichen Absicht –
»wegen einer Diät?«
»Nein«, sagte Markby mit Grabesstimme.
»Ist alles in Ordnung?« flüsterte Meredith, als Laxton zielstrebig zur Bar ging.
»Alles bestens.« Markby versuchte sich lässig zu geben.
»Hab nur keine Lust zu trinken.«
»Sehr ruhig hier, nicht wahr?« stellte Laxton fest, als er mit einem Tablett zurückkam. Er warf einen mißbilligenden Blick in die Runde. Die Sessel in der Lounge hatten bessere Tage gesehen, und der Teppich war verblichen. Der einzige sehr schlechte Druck einer in einer tiefen Schneewehe steckenden Postkutsche wie aus einer Dickensschen Szene wirkte auch nicht besonders aufheiternd.
»Es gibt andere Pubs in der Nähe, die meisten viel lebendiger«, meinte Markby.
»Ich liebe das Land nicht besonders«, sagte Laxton.
»Geht mir, offen gesagt, auf die Nerven. Diese Stadt ist mausetot. Was, um Himmels willen, macht man hier, um sich zu unterhalten?«
»Wir kommen zurecht«, sagte Markby verärgert. Der Kopf fing ihm wieder an, weh zu tun.
»Ich lebe in London«, sagte Meredith.
»Eine Zeitlang habe ich hier gewohnt, in der Nähe von Bamford. Ich war gern hier, es war nur die Fahrerei, das tägliche Pendeln zwischen hier und London, das mir zuviel wurde. Sonst wäre ich geblieben.« Markby sah sie über seinen Tomatensaft hinweg an.
»Wären Sie wirklich?«
»Ja«, sagte sie herausfordernd und wurde rot. Laxton merkte nichts von den Untertönen und war nur an seinem Thema interessiert.
»Haben Sie nie versucht, sich versetzen zu lassen?« fragte er Markby.
»Ich meine, Ihre Karriere ist hier auf einem toten Gleis.«
»Mir gefällt es hier.« Es fiel Markby schwer, seine Gereiztheit zu unterdrücken.
»Außerdem bin ich so was wie ein Einheimischer. Meine Familie hat seit Generationen hier gelebt, und meine Schwester wohnt mit ihrer Familie in der Stadt.«
»Ich bin ein waschechter Cockney«, sagte Laxton fröhlich.
»Sie können Ihre Schafe gern behalten. Es gibt verdammt viele hier herum, nicht wahr? Da, wo wir heute waren, waren alle Felder voll von diesen Biestern.«
»Morgen ist Markttag«, teilte Markby ihm mit.
»Dann werden Sie massenhaft Schafe und andere Tiere zu sehen kriegen. In der Stadt wird es den ganzen Tag lebhaft zugehen, Viehtransporter werden die Straßen verstopfen, und wenn der Wind in die richtige Richtung weht, werden Sie auch riechen, daß eine Menge los ist.« Laxton machte ein entsprechend entsetztes Gesicht.
»Morgen ist Gründonnerstag«, sagte Meredith.
»Wird der Viehmarkt trotzdem abgehalten?«
»O ja. Das Leben auf dem Land geht weiter, da mag kommen, was will.«
»Sind Sie verheiratet, Mr. Laxton?« erkundigte sich Meredith, die das Gefühl hatte, das andere Thema enthalte zu viele Stolpersteine.
»Ja, zwei Kinder. Meine Frau ist ein Stadtkind, ist aber ganz gern mal für einen Tag auf dem Land. In Teddington Lock gefällt es ihr. Und wir fahren gern für einen Tag über den Kanal zum Shopping. Im Verbrauchermarkt außerhalb von Boulogne kauft man gut. Kennen Sie ihn? Sie sollten mal rüberfahren. Das ist ein schöner Tagesausflug. Aber sie ist wie ich, mit ganzem Herzen Londonerin.«
»Dann kann ich nur hoffen, Sie werden nicht allzulange bei uns festgehalten«, sagte Markby sanft und zuckte zusammen, als Meredith ihm auf den Fuß trat.
»Er ist in Ordnung«, sagte sie später, als sie das The Crossed
Keys verlassen hatten.
»Er sitzt ja auch nicht in einer Ecke Ihres Büros.«
»Tut er nicht, das stimmt. Aber im privaten Umgang ist er
in Ordnung. Kommt sich hier vor wie ein Fisch auf dem Trockenen, doch das ist nicht seine Schuld. Er sagt es nur ehrlich, das ist alles. Armer Kerl, die Osterfeiertage kommen, und ich nehme an, er wäre gern bei seiner Familie, statt dessen hat man ihn hergeschickt.«
»Ja«, sagte Markby nachdenklich.
»Laura kommt nächsten
Dienstag zurück.«
»Und mein Aufenthalt ist dann zu Ende.«
»Ich wünschte, Sie gingen nicht wieder nach London«, gestand er.
»Irgendwie wünsche ich mir das auch. Laxton findet es hier ruhig, aber ich finde es friedlich. Obwohl so unangenehme Dinge passieren wie Herseys Tod. Ich habe ihn nicht gemocht, aber daß er stirbt, habe ich mir nicht gewünscht.«
»Steve hat ungefähr das gleiche gesagt. Und was Ihre Abreise aus Bamford betrifft …« Sie sah ihm in die Augen und sagte fest:
»Es ist am besten, daß ich gehe, wirklich.« Markbys Blick fiel auf eine grelle Auslage von Ostereiern in bunter Folie und flaumig gelben Küken in einem nahen Schaufenster.
»Wollen wir hoffen, daß wir alle frohe Ostern verbringen können«, sagte er mürrisch. Dabei dachte er: Zwei unaufgeklärte Morde, eine verlorengegangene Schiffsladung Heroin, eine Gang, ein Mörder, der frei herumläuft, ein geheimnisvoller Autofahrer, der einen Totschläger bei sich hat, Steve Wetherall am Rand eines Nervenzusammenbruchs, dazu Laxton, der drauf und dran ist, mit einem Suchhund auf der Witchett Farm das Oberste zuunterst zu kehren. Was für Osterfeiertage. Er zuckte zusammen, als er die Hand gedankenlos an seinen Kopf legte.
»Ist mit Ihnen auch wirklich alles in Ordnung, Alan?« fragte Meredith besorgt.
»Absolut. Hab mir nur den Kopf angestoßen, als ich morgens aus dem Wagen stieg. Es ist nichts.« Es hatte keinen Sinn, ihr von dem BMW zu erzählen. Er wollte, daß sie ihn für einen guten Polizeibeamten hielt, nicht für einen inkompetenten Vollidioten, der sich bewußtlos schlagen ließ. Außerdem machten Frauen immer einen unnötigen Wirbel. KAPITEL 18
»Fünf!« rief der Mann in dem schmutzigen Jackett.
»Fünf. Fünfundfünfzig, fünffünfzig, sechs! Sechsundzwanzig sind geboten! Sechsfünfzig, sechsfünfzig, siebenundzwanzig sind geboten!« Es folgte ein fester Schlag auf eine harte Oberfläche. Der Mann beugte sich von seinem Podium vor.
»Der nächste.« Ein frischer Pulk Schafe wurde aus einer nahegelegenen Hürde befreit und zum Auktionator getrieben. Sie liefen verwirrt durcheinander, von den Farmarbeitern gestoßen und gezogen, und ein schlanker Hund wie der von Alwyn knabberte an ihren Fersen und drängte sie in die gewünschte Richtung. Fast ohne Unterbrechung begann der Auktionator mit monotoner Stimme seine Litanei von neuem.
»Sechsundzwanzig sind geboten, sechsundzwanzigfünfzig, sieben!« Hinter der kleinen Menge interessierter Zuschauer, versuchte Meredith über die feste Phalanx aus Dunkelblau, Grün oder Khaki, den Lieblingsfarben der Landbewohner, oder seitlich an ihnen vorbeizuspähen; diese Farben gaben der Szene das Aussehen einer alten Sepiafotografie, die hier und da von Hand nachkoloriert worden war. In der Luft hing warmer Düngergeruch. Schlammbespritzte Rinder in einem nahen Pferch warteten darauf, daß sie an die Reihe kamen, und beobachteten den Auktionator von weitem, als interessiere es sie, wie am heutigen Tag die Preise waren. Alwyn stand hinter den Leuten, die Hände in den Taschen, die Mütze auf dem roten Haar. Heute trug er eine schäbige gewachste Jacke und grüne Stiefel, die kleinen Schnüre am oberen Rand hingen unordentlich hinunter. Seine Jeans waren jedoch sauber, er war frisch rasiert, und er schaffte es auf lässige Art, wie ein Gentleman auszusehen. Alwyn hat jedenfalls Stil, dachte Meredith spöttisch. Sein Gesicht war ausdruckslos. Sie wußte nicht, ob er sie entdeckt hatte. Er ließ sich nichts anmerken, schien aber auch nicht besonders überrascht, als sie seinen Arm berührte und ihm einen guten Morgen wünschte.
»Aber hallo«, sagte er.
»Wie geht es Ihnen? Schwänzen Sie heute vormittag Ihre historischen Forschungen?«
»Es geht mir gut. Wie sind die Preise? Er- oder versteigern Sie heute etwas?« Er schüttelte den Kopf und schaute auf sie hinunter, nahm die Hände aus den Taschen.
»Ich wußte nicht, daß Sie sich für Schafe interessieren.« Er hatte wieder jenen ironischen Augenausdruck. Nicht, daß er über sie lachte, eher über etwas anderes, irgendeinen obskuren Witz, den nur er verstand.
»Der Markt ist sehr interessant. Schließlich lebe ich in London. Ich hab mir gedacht, ich sollte diesmal nicht aus Bamford abreisen, ohne ihn gesehen zu haben. Ich war noch nie hier.«
»Viel gibt es ja auch nicht zu sehen.« Er trat ein Stückchen zurück, um jemanden vorbeizulassen.
»Haufenweise Schafe und Kühe, und von denen hab ich schon so viele gesehen, daß es mir ein Leben lang reicht. Ist ja ganz in Ordnung für Sie, kommt Ihnen gemütlich und altväterlich vor, nehme ich an. Aber Farmarbeit ist nicht so. Es ist eine verdammt harte Plackerei und bringt wenig ein. Schafzucht lohnt sich kaum. Der Preis für Heu allein, zur Zeit des Lammens eingebracht, bringt uns schon um den Gewinn, kostet zur Zeit drei Pfund pro Ballen. Und für die Vliese kriegt man auch keinen anständigen Preis. Keiner will die Dinger kaufen, und man muß die Scherer bezahlen. Die arbeiten nicht umsonst, wie Sie sich vorstellen können. Ich bin der einzige Idiot, der das tut.«
»Achtfünfzig, neun, neunundzwanzig sind geboten.« Zuschlag.
»Der nächste.«
»Ich idealisiere das Landleben nicht«, antwortete Meredith streitlustig.
»Ich weiß, es ist hart und unsicher, und Sie müssen bei Wind und Wetter und bei Tag und Nacht heraus. Mir ist klar, daß im Vergleich für die Zeit und Mühe, die Sie investieren, der Gewinn kaum nennenswert ist. Aber bei den meisten Jobs ist es doch so, wir bekommen nie soviel dafür, wie wir gern hätten. Auch die interessanten Jobs sind nicht immer interessant. Sogar mein Job, den ich normalerweise sehr gern habe, macht mir im Moment nicht viel Spaß, weil ich in London an einem Schreibtisch sitze. Ich möchte wieder ins Ausland, aber man läßt mich nicht. Jeder hat seine Arbeit manchmal satt. Und alle wären wir gern reich.« Alwyn knurrte etwas.
»Ach, vielen Dank übrigens, daß Sie mich zu Dr. Gretton geschickt haben«, fuhr Meredith fort.
»Sie will mir ein Treffen mit ihrem Vater vermitteln, sobald er zurück ist. Er ist derjenige, der vor zehn Jahren hier die Ausgrabungen geleitet hat.«
»Komische Art, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen«, sagte Alwyn nachdenklich.
»Ist aber wahrscheinlich sinnvoller als Farmarbeit. Und wer ist Dr. Gretton? Nicht derjenige, der auf unserer Koppel gebuddelt hat?«
»Nein, sie ist seine Tochter. Eine reizende Paläontologin.«
»Knochen«, sagte Alwyn wegwerfend.
»Nichts als verdammte Knochen. Hätten Sie gern eine Tasse Kaffee?«
»Gern«, sagte sie überrascht. So war Alwyn nun einmal. Eben noch glaubte man, er wolle andeuten, daß man im Weg sei und ein völliger Idiot obendrein, und gleich darauf war er nett und freundlich.
»Ein paar Ehefrauen«, erklärte er,
»betreiben dort drüben so was wie einen Kaffeekiosk.« Mit dem Kopf zeigte er in eine entlegene Ecke des Marktes.
»Sie wechseln sich dabei ab. Ma und Jess sollten heute da sein, aber sie mußten absagen.«
»Oh, warum denn?«
»Wegen Betty Chivers, Jerry Herseys Schwester. Sie ist noch immer schwer erschüttert, und Ma hat sie heute zu uns auf die Farm geholt. Betty kann sich an ihrer Schulter ausweinen.« Meredith konnte darauf nicht antworten, denn er marschierte mit großen Schritten vor ihr her und sprach über die Schulter. In einer Ecke unter einem Wellblechdach, wo zwei robuste Frauen in Steppjacken Kaffee und Tee in Plastikbechern austeilten, holte Meredith ihn endlich ein. Die Gesichter der Frauen glühten in der frischen Luft, und sie empfingen Alwyn mit fröhlichen Neckereien.
»Und wer ist die junge Dame, Alwyn?«
»Die Freundin eines Freundes. Hat nichts mit mir zu tun«, antwortete Alwyn nicht sehr galant.
»Bringen Sie ihm Manieren bei«, riet eine der beiden Frauen Meredith, die verlegen lächelte und nicht wußte, was sie antworten sollte.
»Ich weiß nicht, ob Sie Zucker nehmen?« Alwyn reichte ihr den Becher.
»Nein, vielen Dank. Der Kaffee tut gut, der Wind ist heute kühl.«
»Das Wetter schlägt um. Von der Sonne müssen wir uns für eine Weile verabschieden. Sie werden sehen, daß sich ein Sturm zusammenbraut.« Alwyn nippte an dem dunklen Gebräu in seinem Plastikbecher. Meredith wärmte sich die Finger an dem kleinen weißen Gefäß und sagte nachdenklich:
»Ich bin sehr erschrocken, als ich das von Jerry Hersey erfuhr. Wahrscheinlich weil ich ihn gekannt habe. Wenn jemand stirbt, den man gekannt hat, ist der Tod immer schwer zu akzeptieren, obwohl ich Hersey nicht besonders gemocht habe. Die Wahrheit ist, ich habe ihn überhaupt nicht gemocht. Er war unglaublich grob zu mir, und ich fand ihn höchst unangenehm. Doch deshalb wünscht man niemandem den Tod.« Alwyn sagte nichts.
»Für Sie war er so etwas wie ein Freund, nicht wahr?« fügte sie hinzu.
»Deshalb will ich ihn nicht mehr kritisieren. Außerdem soll man Toten ohnehin nichts Übles nachsagen.«
»Eher ein Nachbar. Ich hatte nichts gegen Jerry. Wir sind gut miteinander ausgekommen. Auf das, was er gesagt hat, durfte man nichts geben. Betty war er ein guter Bruder. Hat sich nach dem Tod ihres Mannes um sie gekümmert.«
»Das hat man mir erzählt. Arme Frau. Er wird ihr sehr fehlen.« Meredith wählte ihre nächsten Worte sehr sorgfältig, da sie in seiner letzten Bemerkung eine Möglichkeit witterte, ihn auf etwas anzusprechen, über das sie gern reden wollte.
»Wir alle brauchen jemanden, der sich um uns kümmert, wenn es uns schlecht geht. Warum haben Sie etwas dagegen, daß Michael Denton mit Jessica befreundet ist? Er scheint ein wirklich netter Kerl zu sein. Sie kennen sich von früher.«
»Sie braucht niemanden, der sich um sie kümmert«, sagte Alwyn kurz.
»Sie hat uns.«
»Natürlich hat sie Sie. Das weiß sie. Aber nun …« O verdammt, dachte Meredith, hier helfen nur offene Worte.
»Vielleicht will Jessica den Rest ihres Lebens nicht auf der Farm verbringen. Schließlich ist sie erst Anfang Zwanzig.« Alwyn rollte den leeren Plastikbecher zwischen den Händen.
»Wenn Dad aufhört zu arbeiten …« Er unterbrach sich und setzte dann energisch hinzu:
»Wenn Dad aufhört, will ich Greyladies verkaufen. Dann haben wir Geld. Jess kann ihren Anteil nehmen und damit machen, was sie will. Das habe ich ihr gesagt. Sie braucht nur noch eine kleine Weile zu warten.«
»Alan haben Sie gesagt, Ihr Vater würde nie dulden, daß Sie Greyladies verkaufen«, wandte sie ein.
»Er ist fast siebzig«, sagte Alwyn gelassen.
»Manche Leute werden neunzig.«
»Ich weiß«, antwortete er verdrießlich. Gleich darauf setzte er hinzu:
»Ich habe nicht die Absicht zu warten, bis Dad stirbt. Er ist halsstarrig, der Alte, aber ein Narr ist er nicht. In ein paar Jahren wird ihm klarwerden, daß er nicht weitermachen kann und ich an der Reihe bin. Ich denke, er weiß im Innersten – wenn er es auch nie laut aussprechen würde –, daß ich beabsichtige zu verkaufen. Es ist schwer für ihn.« Alwyns Stimme hatte bei den letzten Worten einen Unterton aufrichtigen Bedauerns.
»Aber ich kann nicht anders.« Jetzt klang sie eigensinnig.
»Ja«, sagte Meredith,
»es wird schwer für Ihren Vater. Sich vorzustellen, daß Sie nach so vielen Generationen auf Greyladies der letzte Winthrop sein werden. Es ist traurig.«
»Mum wird sich wahrscheinlich heftiger dagegen wehren als Dad«, fuhr er unerwartet fort.
»Sie redet unaufhörlich davon, daß ich heiraten und meine Kinder auf der Farm großziehen soll.« Alwyn lachte kurz und spöttisch auf.
»Welche Frau, die noch bei Verstand ist, würde auf Greyladies leben wollen? Die Farm ist heruntergekommen, das Haus – es sieht aus, als wäre es in Ordnung, aber alles, vom Dach abwärts, ist reparaturbedürftig. Und nie hat man Geld übrig oder kann in Urlaub fahren. Keine moderne Frau würde ein solches Leben führen wollen, und ich nehme es ihnen nicht übel. Aber Ma sieht das anders.«
»Viele moderne Frauen wollen anders leben«, gab Meredith zu.
»Aber es gibt noch einige, die weder erspartes Geld noch eine Küche mit allem modernen Schnickschnack haben wollen, sie suchen etwas anderes. Sie haben eben die Richtige noch nicht getroffen, Alwyn.«
»Und das wird auch kaum passieren. Hier in der Gegend jedenfalls nicht.«
»Ach, kommen Sie! Warum denn nicht?«
»Na schön«, sagte er in seiner irritierenden Art,
»wie wär’s mit Ihnen? Sie sehen kräftig und gesund aus. Reizt es Sie nicht, auf der Farm zu leben? Viel frische Luft. Und Sie brauchen keine elegante Garderobe. Wir haben natürlich keine Zentralheizung, aber ich wette, Sie hätten nichts dagegen, an kalten Wintermorgen den Kaminrost zu reinigen.«
»Schon gut, Sie brauchen hier nicht den Schlaumeier zu spielen«, fauchte Meredith.
»Sie wollen mich zur Närrin machen, nicht wahr?«
»Sie sind keine Närrin, sind ein kluges Mädchen. Alan hat Glück.«
»Nun«, sagte sie nach einem Augenblick benommenen Schweigens,
»das ist ein Kompliment, das ich nicht erwartet habe.« Seine grauen Augen ruhten auf ihrem Gesicht.
»Aber Sie würden Ihr Leben nicht auf Greyladies verbringen wollen«, sagte er leise.
»Warum also sollte es ein anderes kluges Mädchen tun? Frauen haben heutzutage eigene Karrieren.«
»Was ist mit Ihrem Bruder? Ist er verheiratet?« Alwyn sah sie mit einem scharfen Blick an.
»Jamie? Wer hat Ihnen von ihm erzählt?«
»Ich glaube, Steve – aber vielleicht war es auch Alan. Nein, ich denke, es war doch Steve Wetherall. Er hat gesagt, Ihr Bruder arbeite irgendwo im Ausland.«
»Jamie hat das richtige getan.« Alwyn warf den leeren Becher in einen Abfallkorb.
»Er ist nicht für die Ehe geschaffen. Scheint immer irgendeine Freundin im Schlepptau zu haben, schreibt er jedenfalls.«
»Wo lebt er eigentlich? In welchem Land. Ich habe selbst lange im Ausland gelebt.«
»Er ist mal da, mal dort«, sagte Alwyn.
»Zuletzt in Spanien, wie ich gehört habe.«
»Was macht er?« fragte Meredith neugierig.
»Weiß ich nicht. Irgendwelche Geschäfte. Er hat eine besondere Begabung fürs Geschäftemachen. Im Moment hat er mit Immobilien zu tun, Ferienwohnungen und so. Hab keine Zeit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was er macht.« Alwyn entfernte sich ein paar Schritte vom Kaffeekiosk.
»Ich habe eben jemanden gesehen, der mich sucht, wie ich glaube. Grüßen Sie Alan von mir, wenn Sie ihn sehen.«
»Gern, und danke für den Kaffee. Ich wollte Ihnen nicht die Zeit stehlen.« Aber er war schon fort, seine große Gestalt drängte sich durch die Menge.
Wäre sie ihm gefolgt, hätte sie – vielleicht überrascht – gesehen, daß die Person, die Alwyn auf der anderen Seite des belebten Platzes erspäht hatte, Dudley Newman war, der sich in dieser Umgebung offensichtlich nicht wohl fühlte und sich ängstlich von Schmutz und Tieren fernhielt. Er begrüßte Alwyn gereizt.
»Ich bin hergekommen, wie Sie vorgeschlagen haben, da ich Sie ja nicht mehr anrufen darf. Aber wir hätten uns woanders treffen können, es wäre mir lieber gewesen.«
»Mir nicht«, sagte Alwyn gelassen.
»Sie hätten mich gern in einem Büro getroffen, denke ich, wo ich mir vor der Tür die Stiefel abkratzen und vor den Sekretärinnen die Mütze ziehen müßte. Nun, hier ist meine Welt, und wenn Sie mit mir reden wollen, müssen Sie schon herkommen. Dad ist heute nicht hier, also geht es in Ordnung.«
Newman rümpfte die Nase, als ihnen ein Schwall frischer Düngerluft entgegenschlug, protestierte aber nicht weiter, wollte lieber das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen, damit er gehen konnte.
»Hören Sie, Alwyn, ich habe Ihnen gesagt, ich bin bereit zu warten. Aber nicht bis in alle Ewigkeit. In der Baubranche muß man die Dinge zur richtigen Zeit tun. Ich würde Ihnen gern innerhalb der nächsten achtzehn Monate oder so ein Angebot für Greyladies machen. Das wäre mir am liebsten.«
Alwyn machte ein finsteres Gesicht.
»Mir nicht. Ma hat gesagt, sie hat Sie bei Betty Chivers getroffen, daher weiß ich, daß Sie ihren Standpunkt kennen, und mein Vater denkt genauso. Sie werden nicht nachgeben.«
»Nun, Alwyn«, sagte Newman beschwichtigend,
»ich weiß, was Sie empfinden und wo Sie stehen. Und ich kann es Ihnen nachfühlen. Ich weiß auch, daß Sie ein vernünftiger Kerl sind und begreifen, wo ich stehe. Ihre Mutter ist eine gute Frau – aber sie versteht nichts von Geschäften. Lassen wir sie aus der Sache raus, ja? Ihren Vater müssen Sie angehen. Erklären Sie ihm energisch, daß Sie nicht bereit sind, weiterzumachen. Er kann die Farm allein nicht bewirtschaften. Er wird einsehen, daß er verkaufen muß – und wenn er es einsieht, dann kommt es nicht darauf an, ob Ihre Mutter so oder so denkt. Man kann sie übergehen.«
Alwyn warf ihm einen merkwürdig boshaften Blick zu und grinste dann schief.
»Sie kennen Ma nicht«, sagte er.
Nie dämmerte ein Donnerstagmorgen, ohne daß Dolly Carmody erwachte und dachte: Heute ist Markttag. Und erst dann erinnerte sie sich, daß das für die Witchett Farm nicht mehr galt.
Sie fuhr jetzt an den Donnerstagen nicht einmal mehr nach Bamford zum Einkaufen, weil der Anblick, die Geräusche und Gerüche des Viehs, die in jeden Winkel der Stadt drangen, zu viele Erinnerungen in ihr wachriefen. Dadurch, daß sie nicht mehr kam, hatte sie sich vielen ihrer alten Farmerfreunde entfremdet, weil sie sie nur noch selten sah. Sie dachte jedoch oft an sie, so daß, alles in allem, der Donnerstag auf Witchett ein schlechter Tag war.
Nur mit einer Gewohnheit konnte sie nicht brechen – sie stand auch heute noch in aller Herrgottsfrühe auf. An diesem Morgen kam sie hinunter und öffnete die Hintertür für die Katzen, was sie immer zuallererst tat. Laut miauend stürmten sie herein, denn sie wollten gefüttert werden. Sie hätten nachts eifrig auf Mäusejagd gehen sollen, aber Dolly wußte, daß sie die Nacht zusammengerollt im Schuppen verbracht hatten, wo das Heu für die Pferde lag. Dennoch spielten sie ihr regelmäßig und mit Erfolg Katzen vor, die sich ihren Lebensunterhalt verdient hatten, und schliefen nach dem Frühstück so prompt, als wären sie die ganze Nacht wach gewesen.
Während die Katzen hereinkamen, trottete der alte Spaniel hinaus und recherchierte schnüffelnd, ob sich über Nacht etwas geändert hatte. Und Dolly setzte den Kessel auf und holte den Speck heraus, um sich Frühstück zu machen. Aber als sie das heute morgen tat, hörte sie den alten Hund bellen.
Neugierig stellte sie die Bratpfanne weg und ging zur Tür. Sie hörte einen Automotor, nein, es waren mindestens zwei Wagen, und sie kamen näher, kamen zur Farm. Einzelne Autofahrer bogen manchmal falsch ab und tauchten hier auf, aber noch nie waren es zwei zugleich gewesen, und die Pferdebesitzer kamen auch nie so früh.
Die Wagen fuhren auf den Hof. Der eine war ein Van; ein junger Mann in Uniform sprang heraus und holte aus dem Laderaum einen Labrador, den er an die Leine nahm. Aus dem ersten Wagen waren zwei Männer ausgestiegen und kamen auf Dolly Carmody zu. Und eben fuhr ein drittes Fahrzeug auf den Hof. Mehrere Männer und eine Frau in Uniform stiegen aus. Plötzlich war der Hof voller Leute.
Dolly hielt den Spaniel fest und rief:
»Was ist los? Das ist meine Farm!«
»Guten Morgen, Madam«, sagte der Anführer, ein scharfgesichtiger Mensch in einem städtischen Anzug und mit städtischen Allüren.
»Polizei. Sind Sie Mrs. Dorothy Carmody? Ich habe hier einen Haussuchungsbefehl für Ihr Anwesen.«
»Einen Haussuchungsbefehl?« Sie starrte ihn an.
»Witchett durchsuchen? Wozu?«
»Nun, das wird sich zeigen, Madam, nicht wahr? Also, wir fangen in den Nebengebäuden an.« Während er sprach, drehte er sich um, um den anderen Befehle zu geben. Dolly fiel ihm ins Wort.
»Das dürfen Sie nicht.« Er hatte ihr ein Papier in die Hand gedrückt, und sie starrte es ungläubig an.
»Ich habe nichts, was die Polizei interessieren könnte. Wie sollte ich auch? Das ist ein Irrtum, ein schrecklicher Irrtum.«
»Leider nein, Madam. Vielleicht sollten Sie lieber ins Haus gehen. Die Polizeibeamtin wird …«
»Passen Sie auf, Sir!« rief einer der Männer und stürzte vorwärts.
»Das alte Mädchen kippt uns um!«
Als Meredith den Markt verlassen wollte, wurde sie in der verstopften Einfahrt um ein Haar von einem Laster überrollt. Durch die Schlitze in den hohen Seitenwänden beäugten sie sanfte Tieraugen. Noch mehr Schafe. Arme Biester. Aber so war es nun einmal. Lebendes Vieh. Totes Vieh.
In der High Street herrschte ein lebhaftes Durcheinander. Meredith mußte sich durch die Gegenströmung kämpfen, die die Oberhand hatte, mußte nach allen Seiten ausweichen und sich durchschlängeln. Am Ende prallte sie gegen einen Guernseypullover, und eine Stimme sagte überrascht:
»O hallo! Sie sind doch Jessicas Freundin, nicht wahr?«
»Michael!« Meredith starrte ihn verblüfft an.
»Eben habe ich noch über – ich meine, habe ich mit Jessicas Bruder Alwyn gesprochen.«
Michaels Miene wurde finster.
»Was für ein Glück! Mit Schafen kann man vermutlich vernünftiger sprechen.«
»Du meine Güte«, sagte Meredith, das Gesicht verziehend.
»Darf ich raten? Die Winthrops sind schwierig.«
»Schwierig?« Sein junges Gesicht schien plötzlich in Blut getaucht.
»Sie sind unmöglich.« Er seufzte.
»Darf ich Sie zu einem Pint einladen?« Er wollte ihr sein kummervolles Herz ausschütten. Fein. So langsam trank sie sich auf Kosten anderer Leute durch den Vormittag. Sie tranken ihr Bier im Bunch of Grapes, einem Hotel, das Meredith schon von früher her kannte. Ihr Pint nahm sie schließlich in Form von Ananassaft zu sich. Michael liebte
»echtes Ale«, was sie nicht sonderlich überraschte.
»Sind sie normal?« fragte er streitlustig, als sie in der Kaminecke einen Platz gefunden hatten.
»Die Winthrops, meine ich. Sind sie richtig im Kopf? Oder sind sie alle bescheuert – außer Jessica?«
»Dickköpfig, würde ich sagen. Alwyn benimmt sich merkwürdig, aber hinter dieser Fassade ist er in Ordnung, denke ich. Er liebt seine Schwester sehr.«
»Sie kennen doch das Sprichwort: Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde?« sagte Michael Denton, wild mit den Augen rollend. Sie saßen eine Weile schweigend da, während die Bar sich langsam füllte. Viele der Männer sahen aus, als kämen sie vom Markt. Meredith hoffte nur, daß nicht auch Alwyn hereinspazierte und sie beide entdeckte. Sie hatte das Gefühl, allmählich Alwyns Vertrauen zu gewinnen, aber der kleine Fortschritt wäre schnell wieder dahin. Mit einem Auge die Tür beobachtend, wartete sie darauf, daß Michael mit seiner jammervollen Geschichte begann, und gleich darauf tat er es auch, nachdem er mit einer entschlossenen Geste sein Glas abgesetzt hatte.
»Kennen Sie sie gut?«
»Nein, nicht sehr gut, nein. Ich war einmal draußen auf der Farm. Wollte ein bißchen in historischer Forschung machen. Alwyn war bis zu einem bestimmten Punkt hilfsbereit, aber ich habe gespürt, daß ich unerwünscht war.«
»Da sind Sie weiter gekommen als ich. Mir ist es nicht gestattet, einen Fuß auf die Farm zu setzen. Ich habs gestern versucht, und der alte Winthrop – haben Sie ihn gesehen? Er muß an die zweihundertdreißig Pfund wiegen, und das meiste davon sind Muskeln. Nur nicht der Kopf, der besteht aus Knochen. Nun, ich hab gedacht, er hetzt den Hund auf mich. Er hat gesagt, ich soll unverzüglich verschwinden oder ›abhauen‹, wie er es ausgedrückt hat. Reizendes Alterchen.«
»Eine verzwickte Situation.«
»Ich kann Jess nicht anrufen, sie ist nie als erste am Telefon, ihre Mutter ist immer vor ihr dran. Oder Alwyn. Man würde glauben, daß man mit Alwyn vernünftiger reden kann, nicht wahr? Aber genausogut könnte ich mit einer Backsteinmauer reden. Ich bin Volksschullehrer, nicht der Anführer der hiesigen Hell’s Angels. Ich lauf nicht rum und schlage die Fensterscheiben der Pubs ein oder leere volle Mülltonnen in Vorgärten. Ich habe keine meldepflichtige Krankheit und keine besonderen Laster. Jessica kenne ich schon seit langem. Wir haben viel gemeinsam. Ich habe gehofft, sie heute vormittag in der Stadt zu treffen, aber wie Sie sehen, haben sie es geschafft, sie daran zu hindern, daß sie herkommt.« Meredith sagte vorsichtig:
»Ich weiß nicht, ob es ganz so ist.« Sie erklärte ihm die Sache mit Mrs. Chivers.
»Es müssen sich doch nicht Jessica und ihre Mutter um eine einzige verzweifelte Frau kümmern«, sagte er eigensinnig.
»Was soll Jessica dort? Diese Mrs. Chivers ist Mrs. Winthrops und nicht Jessicas Freundin. Nein, sie haben das als Vorwand benutzt, um zu verhindern, daß Jess sich mit mir trifft.«
»Ich glaube, sie sorgen sich ernstlich um Jessicas Gesundheit. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, und jetzt sind in nächster Umgebung zwei Morde geschehen.«
»Ja.« Er nickte.
»Der letzte ist ziemlich schlimm. Ich meine, Jessica hat diesen Hersey gekannt. Nicht sehr gut, aber er war so was wie ein Nachbar. Ein weiterer Grund, warum sie heute vormittag nicht auf der Farm sein sollte, um sich anzuhören, wie Mrs. Chivers ununterbrochen darüber spricht. Wenn die Winthrops einen Funken Verstand hätten, hätten sie Jess mit Alwyn in die Stadt geschickt. Ist Ihnen klar, daß sie Jess auf Greyladies gewissermaßen hinter Schloß und Riegel halten?«
»Es scheint bei den Winthrops üblich, so mit Töchtern umzugehen«, sagte Meredith, die an Mary Anne dachte.
»Nun, ich sag Ihnen was«, erklärte er, kriegerisch das Kinn vorstreckend.
»Mich werden sie nicht vergraulen. Verdammt will ich sein, wenn ich dulde, daß man mich beschimpft und hinauswirft. Jessica möchte mich sehen, und ich möchte Jessica sehen, und ich werde eine Möglichkeit finden. Lassen Sie mir nur ein bißchen Zeit.« Meredith hatte ihren Ananassaft ausgetrunken.
»Man braucht eine Haut wie ein Nashorn, wenn man mit den Winthrops fertig werden will«, hatte Steve Wetherall gesagt. Sie glaubte nicht, daß Michael die hatte. Er schien ihr ein in vielen Dingen ziemlich empfindsamer junger Mann zu sein. In anderen jedoch, das bezweifelte sie nicht, hatte er die nötige Zähigkeit, um es mit der Familie aufzunehmen, und er verdiente ein bißchen Hilfe und Ermutigung. Der gesunde Menschenverstand sagte ihr, sie solle sich nicht einmischen. Es konnte nichts Gutes dabei herauskommen. Wenn Alwyn es erfuhr, würde er explodieren. Doch wenn sie sich an Jessicas sonst so blasses Gesicht erinnerte und daran, wie hübsch und lebhaft sie im Gegensatz dazu im Fox and Hounds ausgesehen hatte, war ihr über jeden Zweifel hinaus klar, daß sie sich einmischen mußte.
»Ich könnte Ihnen vielleicht helfen«, sagte sie vorsichtig.
»Das heißt, ich habe eine Idee.« Leise, für den Fall, daß jemand sie belauschte und es Alwyn weitererzählte – zu viele Gummistiefel und zerknitterte gewachste Jacken standen an der Bar –, berichtete sie ihm, daß Jessica fast jeden Tag zur Witchett Farm ritt, um Dolly Carmody zu helfen.
»Sie sehen also«, schloß sie mit Verschwörermiene, den Kopf über zwei leeren Gläsern dem seinen zuneigend, als planten sie die nächste Pulververschwörung,
»Sie könnten sich mit Jessica auf der Witchett Farm treffen. Die Winthrops wüßten nichts davon, würden es nicht einmal vermuten.« Michael dachte darüber nach und suchte nach Einwänden.
»Ich kenne die alte Dame ja nicht, doch sie ist immerhin ihr Leben lang mit den Winthrops befreundet. Sie würde nicht mitmachen.«
»Sie hat Jess sehr, sehr gern und wünscht sich genausosehr, daß Jess ein normales Leben führt. Außerdem hat sie ein romantisches Herz. Sie war es, die mir von den Grauen Leuten erzählt hat.« Michael hatte noch nie von den Grauen Leuten gehört, daher schweifte Meredith fünf Minuten lang vom Thema ab und erzählte ihm von ihnen. Dann kehrten sie zu ihrem eigentlichen Thema zurück. Er sah ein wenig hoffnungsvoller, zugleich aber auch zweifelnd drein, wobei die beiden Empfindungen in seinem sommersprossigen Gesicht ständig wechselten.
»Und wie soll ich es anstellen?«
»Überlassen Sie es mir. Ich nehme Sie nach Witchett mit und stelle Sie Dolly vor, dann sehen wir weiter.« Michael hatte seine Zweifel überwunden.
»Okay. Wann?«
»Jetzt gleich, wenn Sie wollen. Dolly ist bestimmt zu Hause. Die Fahrt wäre nicht vergeblich, auch wenn sie nicht da ist. Dann sehen Sie wenigstens, wo Witchett liegt. Wir gehen jetzt zu dem Haus, das ich derzeit hüte, und holen meinen Wagen. Von dort dauert die Fahrt zur Farm nicht länger als fünfzehn Minuten, selbst wenn wir durch den Verkehr auf dem Markt aufgehalten werden sollten.«
»Worauf warten wir noch?«, sagte er begeistert. KAPITEL 19 Michael saß in heller Aufregung auf dem Beifahrersitz, während sie die alte Landstraße entlangfuhr und nach der Abzweigung zur Witchett Farm Ausschau hielt. Meredith hatte Angst, daß ihr kluger Plan mißlingen und der nette Junge enttäuscht werden könnte. Aber wer nichts versucht, kann auch nichts erreichen. Der Wind wurde lebhafter, und die Sonne war verschwunden. Die Bäume neigten sich über die Straße, ihre Äste schwankten, und die Hecken zitterten. Von irgendwoher waren ein paar graue Wolken aufgetaucht, und es sah so aus, als werde es bald regnen. Nach ihrer ersten unglücklichen Erfahrung hätte sie es wissen und die Augen nicht von der kurvenreichen alten Straße abwenden dürfen, die zwar ruhig, aber nicht ohne Risiken war.
»Passen Sie auf!« rief ihr Begleiter plötzlich und stemmte sich gegen das Armaturenbrett, um nicht nach vorn geworfen zu werden. Meredith riß heftig das Steuer herum und schaffte es irgendwie, nicht in dem tiefen Straßengraben zu landen. Ein großer, glänzender BMW war urplötzlich hinter der Kurve vorgeschossen, ein Verkehrsrowdy, der mit ungefähr hundertzwanzig in der Mitte der schmalen Straße dahinraste. Sie hatte keine Zeit zu sehen, wer den Wagen fuhr, aber als sie wieder auf dem richtigen Kurs waren, fragte sie Michael:
»Puh! Haben Sie seine Nummer?«
»Nein. So ein Idiot! Nur weil es eine wenig befahrene Straße ist, glaubt so einer, er kann hier rumbrettern wie auf einer Rennstrecke. Ich wünschte, ich hätte die Nummer. Wir hätten ihn anzeigen können. Ihn anzeigen müssen. Der verursacht früher oder später bestimmt einen Unfall.«
»Wer das wohl gewesen sein mag?« überlegte Meredith laut.
»In und um Bamford gibt es nicht viele so protzige Wagen. Ich frage mich, woher er gekommen ist und wohin er wollte.«
»Er hatte ein komisches Kennzeichen«, sagte Michael gleich darauf.
»Ausländisch, glaub ich. Ich wünschte, ich hätte Zeit gehabt …«
»Hier!« unterbrach sie ihn.
»Hier ist die Abzweigung nach Witchett.« Sie fuhr den schmalen Feldweg entlang und in den sauberen Hof der Witchett Farm.
»Dollys Auto ist hier«, sagte sie, als sie ausstiegen.
»Also ist sie zu Hause.« Meredith hielt inne und sah sich um. Irgendwie sah es hier anders aus. Zwar noch immer sehr ordentlich, aber dennoch so, als habe etwas wie ein Wirbelwind hier gehaust. Die Persennings waren von den unter dem offenen Schuppen abgestellten landwirtschaftlichen Maschinen abgenommen und in einem Haufen auf dem Boden liegengelassen worden. Das Tor der Scheune, in der das Futter gelagert wurde, stand offen, schwang im Wind hin und her, und kleine Heubündel wurden durch die Öffnung in den Hof geweht. Die Teetruhe, die vom Heuboden heruntergebracht worden war, stand offen auf dem Hof, und Zeitungspapier quoll heraus.
»Komisch«, sagte sie. Michael, der Witchett noch nie zuvor gesehen hatte, war jedoch hingerissen.
»Mein Gott, ist das schön!« sagte er ehrfürchtig.
»Sehen Sie sich doch diese alte Egge an, sie wurde früher von Pferden gezogen. Stellen Sie sich vor, was man mit einem solchen Besitz alles anfangen könnte! Also ich wüßte es.«
»Oh?« Zerstreut wandte Meredith sich zu ihm um.
»Und was würden Sie tun? Hier leben und die Farm bewirtschaften?«
»Nein, nicht die Farm. Ich bin kein Farmer, und Farmarbeit bringt heutzutage nicht genug Geld ein. Ich würde ein Gartencenter eröffnen. Ein richtig großes und als zusätzliche Attraktion ein landwirtschaftliches Museum und vielleicht ein paar alte Schafrassen züchten und ein paar schwere Pferde einstellen … Die Leute würden in Scharen hier herauspilgern. Es gäbe Interessantes für die ganze Familie. Sehen Sie sich das Land an. Platz genug für große Gewächshäuser und einen Laden, in dem Pflanzen verkauft werden. Eine Menge Land für eine Baumschule. Man könnte auch Weihnachtsbäume ziehen. Wenn ich Geld hätte, würde ich einen solchen Besitz kaufen und zu einem erfolgreichen Unternehmen machen. Aber mit dem Gehalt eines Grundschullehrers«, fügte er bedauernd hinzu,
»habe ich keine Chance.«
»Und Sie würden das wirklich gern tun? Würden Ihren Beruf aufgeben?«
»Wenn ich einen solchen Besitz hätte? Etwas schaffen, etwas von Grund auf neu schaffen? Da können Sie darauf wetten, wie der Blitz war ich dabei.« Als seine begeisterte Stimme verstummte, hörte man im Stallgebäude zu ihrer Rechten ein Quietschen und dann Schritte. Eine Stimme rief nervös:
»Wer ist da?«
»Dolly?« rief Meredith zurück.
»Ich bin es nur, Meredith, und ich habe einen Freund mitgebracht.« Eine Tür ging auf, und Mrs. Carmody erschien. Doch die Veränderung, die seit dem letzten Mal mit der alten Frau vorgegangen war, ließ Meredith bestürzt stehenbleiben und dann vorwärtsstürzen.
»Dolly? Was in aller Welt ist los? Was ist passiert?« Mrs. Carmody suchte an der Stallwand Halt. Ihr unordentlicher Haarknoten war völlig zusammengefallen, und ihr gewöhnlich rosiges, fröhliches Gesicht war aschgrau und verzweifelt. Sie schien um zwanzig Jahre gealtert und zu einer kleinen alten Frau geschrumpft, die erschrocken und verwirrt war.
»Lassen Sie sich ins Haus führen!« rief Meredith und nahm ihren Arm. Mrs. Carmody schob sie weg.
»Wer ist das?« fragte sie und zeigte auf Michael.
»Was will er?« Ihre Stimme zitterte.
»Das ist Michael Denton, ein Freund von mir und von Jessica. Dolly, was, um Himmels willen, ist geschehen?« Plötzlich fiel ihr der rasende BMW ein, und sie fügte hastig hinzu:
»War jemand hier? Was hat Sie so erschreckt, Dolly?«
»Ja, sie waren schon sehr früh da, sind jetzt aber schon fast zwei Stunden weg. Wollte mir eben Frühstück machen, hatte noch keinen Bissen von meinem Speck gegessen …« Ihre weitschweifige Rede wurde immer leiser und verstummte schließlich ganz. Sie? Meredith war nun selbst verwirrt. Dann war es nicht der Fahrer des BMW gewesen.
»Wer, Dolly?« Michael war näher gekommen, sein Gesicht war besorgt.
»Wir müssen sie ins Haus bringen«, flüsterte er.
»Sie bricht sonst zusammen.« Sie nahmen Dolly Carmody in die Mitte und führten sie in ihr Wohnzimmer. Die alte Spanielhündin, die dort eingesperrt gewesen war, hörte sie kommen, begann zu jaulen und wild an der Tür zu kratzen. Sie betteten Dolly auf das Sofa, und die Hündin lief zu ihrer Herrin und leckte ihr die Hand. Es schien Mrs. Carmody zu helfen, ihre Fassung ein wenig wiederzugewinnen. Sie tätschelte dem Hund den Kopf und sagte, schon wieder mehr sie selbst:
»Ich bin in Ordnung, meine Lieben. Hatte nur einen kleinen Schock. Hätte nie gedacht, daß so etwas hier draußen auf Witchett geschehen könnte. Eine solche – solche Schande!«
»Hören Sie«, sagte Michael, ein praktischer junger Mann.
»Ist in dem Schrank da drüben vielleicht ein bißchen Brandy? Sie brauchen nämlich einen Schluck, Mrs. Carmody.«
»Ja, ich glaube, ich nehme einen ganz, ganz kleinen …« Sie versuchte erfolglos, ihr Haar in Ordnung zu bringen.
»Ach du meine Güte, da kommt ihr beiden heraus und findet mich total durcheinander und überall diese schreckliche Unordnung. Hätten Sie auch gern etwas zu trinken?«
»Später«, sagte Meredith energisch.
»Und nun, Dolly, wer war hier?«
»Die Polizei«, sagte Mrs. Carmody schlicht.
»Die Polizei war hier.«
»Alan?« rief Meredith ungläubig.
»Alan war hier und hat Sie so aufgeregt?«
»Aber nein, natürlich nicht, meine Liebe. Alan würde so etwas nie tun. Nein, es war ein anderer, ein Londoner mit einem Haussuchungsbefehl und ein paar anderen Kerlen. Einer hatte einen Hund dabei. Sie haben ihn überall rumschnüffeln lassen. Haben alles auf den Kopf gestellt und immerzu Fragen gestellt. Was immer sie gesucht haben, sie haben es nicht gefunden. Und dann sind sie abgezogen.« Meredith richtete sich auf. Laxton! Natürlich. Na warte, bis wir uns wiedersehen, Alan! Es mochte Laxton gewesen sein, der das getan hatte, aber Alan hätte es nie zulassen dürfen. Und dann dachte sie noch: Ich werde Alan nie heiraten können, und das ist der Grund. Es ist die Polizeiarbeit. Ich könnte sie nicht akzeptieren. Ich weiß, daß sie Verbrecher fangen müssen, aber trotzdem, da gibt es Dinge … Nur – warum hier? Michael reichte Mrs. Carmody ein Glas mit einem ordentlichen Schuß Brandy.
»Hier, trinken Sie das. Wo ist die Küche? Ich braue uns eine Kanne Tee.« –
»Sie sind ein guter Junge«, sagte Mrs. Carmody nickend. Sie sah zu ihm auf und fragte mit einer Spur ihrer alten Lebhaftigkeit:
»Jessicas Freund sind Sie, haben Sie gesagt?«
»Ja, darüber wollten wir mit Ihnen sprechen …« Meredith zögerte.
»Aber ein bißchen später. Ich zeige Ihnen die Küche, Michael.« In der Küche sahen sie sich an.
»Suchhund«, flüsterte Michael.
»Drogen oder Sprengstoff.«
»Hier? Das ist ja lachhaft.«
»Etwas muß sie hergeführt haben. Sie hatten einen Durchsuchungsbefehl. Sie sagt, der Einsatzleiter war ein Londoner und kein hiesiger Plattfuß.«
»Ja, ich denke, ich habe ihn kennengelernt. Damals dachte ich, er sei ganz in Ordnung, aber ich weiß gar nicht, was ich zu diesem – Wicht sagen soll!« Kein Wunder, daß Alan über das, was Laxton hier zu tun hat, kaum ein Wort verlieren wollte, dachte sie rebellisch. Er muß von der Drogenfahndung oder der Terroristenbekämpfung sein … Aber es war wirklich lachhaft. Dolly war keine Bandenführerin aus der Unterwelt. Dann dachte sie: Banden. Sie hatte das Wort erwähnt, als sie und Alan über den Leichnam aus dem Fundament gesprochen hatten. Sie hatte ihn gefragt, ob er es für einen Bandenmord halte … Die Sache wurde immer schlimmer. Als sie, jeder eine Tasse starken Tee vor sich, im Wohnzimmer saßen, hatte Dolly sich wieder erholt und machte sich Sorgen um ihre Katzen.
»Die beiden sind verschwunden, als sie die vielen Fremden und den komischen Schnüffelhund gesehen haben. Ich nehme an, sie werden sich am Abend wieder einfinden.«
»Es ist unglaublich«, sagte Meredith heftig.
»Alan soll von mir was zu hören bekommen!«
»Es ist nicht seine Schuld, meine Liebe. Es ist ja nicht von ihm ausgegangen. Aber was wollten sie? Sie waren auf diesem Heuboden, Sie wissen schon, wo ich Ihnen und Alan die Fußabdrücke gezeigt habe. Sie haben alles herausgezogen, alle Kästchen, alles. Dann haben sie mir das Bild eines Mannes gezeigt – ich glaube, es war der gleiche, von dem mir auch schon Alan ein Foto gezeigt hatte, nur war es diesmal ein anderes, auf dem er viel besser aussah. Aber ich habe ihnen gesagt, daß ich ihn nicht kenne. Dauernd haben sie mich nach dem Eindringling gefragt, den ich Donnerstag überrascht habe. Ich konnte ihnen gar nichts sagen. Und diese Schande! Die Polizei durchsucht Witchett!« Sie begann sich wieder aufzuregen. Die Spanielhündin spürte es, wimmerte und preßte die Nase an das Knie ihrer Herrin.
»Hören Sie, Dolly«, sagte Meredith,
»ich denke, ich sollte Ihren Doktor anrufen und ihn bitten, herauszukommen.«
»Es geht mir jetzt gut, meine Liebe, wirklich. Ein wahrer Segen, daß Sie beide gekommen sind. Ich fühle mich schon viel besser, seit ich mit Ihnen reden konnte.«
»Ja, aber heute abend könnte die Reaktion einsetzen. Ihr Arzt sollte lieber mal vorbeischauen. Wie heißt er?«
»Es ist Dr. Pringle, meine Liebe. Seine Nummer hab ich hier irgendwo.«
»Ich kenne Dr. Pringle und schau auf der Rückfahrt schnell im Medizinischen Zentrum vorbei«, versprach Meredith.
»Und nun«, sagte Dolly und richtete sich plötzlich kerzengerade auf. Sie hatte wieder Farbe, und obwohl noch erschüttert, sah sie sich selbst wieder ähnlicher.
»Was habt ihr beiden eigentlich gewollt?«
»Dies scheint mir kaum der Augenblick –«, begann Michael.
»Los, los, spucken Sie’s aus!« kommandierte Mrs. Carmody. Sie erklärten ihr Michaels Dilemma.
»Ich weiß«, sagte Meredith,
»daß ich von Ihnen verlange, die Winthrops zu hintergehen. Aber Jessica ist kein Teenager mehr, sie ist dreiundzwanzig. Sie möchte sich mit Michael treffen, und ihre Familie ist keinem vernünftigen Argument zugänglich.«
»Sie meinen es gut«, sagte Mrs. Carmody.
»Ein in einer Ehe so spät geborenes Kind ist immer ein Sorgenkind. Die Eltern wollen wissen, daß es Jess gutgeht, auch wenn sie nicht bei ihr sind, um sich um sie zu kümmern. Alwyn meint es auch nicht böse. Aber er ist eigensinnig. Ich rufe jetzt in Greyladies an. Sie sagen, Betty Chivers ist dort. Das bedeutet, daß Elsie das Haus nicht verläßt. Ich werde nach Jessica fragen. Werde erzählen, daß die Polizei hier war – das wird sich ohnehin bald herumgesprochen haben – und daß ich sehr froh wäre, wenn Jess mir eine Weile Gesellschaft leisten würde. Elsie wird sie herüberschicken, keine Angst.«
»Kommt mir ein bißchen hinterhältig vor«, räumte Meredith ein.
»Unsinn, ich brauche Jess. Die Pferdeboxen wurden noch nicht ausgemistet, und jemand muß mir beim Aufräumen helfen.«
»Das werde ich tun«, sagte Michael.
»Ich hab den ganzen Tag frei. Wir haben Osterferien. Wenn ich heute nicht alles schaffe, komme ich morgen wieder und erledige den Rest. Nur keine Sorge. Sie und Jessica können keine schweren Sachen schleppen.«
»Das ist sehr nett von Ihnen«, sagte Mrs. Carmody.
»Ich fahre Sie später nach Hause, bis dahin bin ich wieder ganz in Ordnung. Fühle mich jetzt schon wieder besser.«
Eine halbe Stunde später kam Jessica auf ihrem zottigen Pony auf den Hof geritten.
»Michael!« rief sie erstaunt, glitt aus dem Sattel und lief auf ihn zu. Dann sah sie, in welchem Zustand die Farm war, und bekam erschrockene Augen.
»Was ist passiert?«
Sie erklärten es ihr, so gut sie konnten, und verbrachten den restlichen Nachmittag damit, das Durcheinander in Ordnung zu bringen, das der übereifrige Laxton, seine Untergebenen und sein Suchhund hinterlassen hatten. Meredith’ Meinung über den Mann aus London, ohnehin schon ziemlich tief gesunken, weil er ihre alte Freundin so aufgeregt hatte, wurde sehr schnell nicht mehr druckreif, als sie sich die Strumpfhose zerriß, die Fingernägel abbrach, sich den Kopf an niedrigen Balken stieß und den Rücken verrenkte, als sie mit Michael versuchte, die Teetruhe auf den Heuboden zurückzubringen. Um die Persennings zu befestigen, mußten sie zu viert Hand anlegen. Während sie arbeiteten, nahm der Wind an Stärke zu, riß ihnen das Segeltuch aus den Händen und blies ihnen Heubüschel und Staub ins Gesicht.
Jessica hatte außerdem die Pferdeboxen gesäubert, eine Arbeit, die noch zusätzlich erledigt werden mußte und mit der Mrs. Carmody sich erfolglos abgeplagt hatte, als Meredith und Michael gekommen waren. Sie sagte ihnen, daß Laxtons Team sogar die Boxen durchsucht, die Streu herumgezerrt und das Heu aus den Futterkrippen an der Wand auf den Boden geworfen hatte.
»Sie hatten Glück, daß keiner getreten wurde«, sagte sie, und man hörte ihr an, daß es ihr großes Vergnügen bereitet hätte, wenn ein Pferd oder auch alle den unglücklichen Laxton durch den Hof gejagt und getreten hätten.
Mrs. Carmody versorgte sie mit Käse- und Pickle-Sandwichs, Obstkuchen und literweise Tee. Um halb fünf ließen sich alle erschöpft im Wohnzimmer in die Sessel fallen.
»Ich dank euch, meine Lieben«, sagte Mrs. Carmody und schürte das Feuer im Herd, daß die Funken durch den Kamin davonflogen.
»Oh, schaut mal, da ist ja eine von den Katzen. Dann kommt die andere auch gleich.«
Eine Tigerkatze erschien auf der Schwelle und funkelte alle böse an. Dann marschierte sie würdevoll zum Kaminvorleger und setzte sich, ihnen den Rücken zukehrend, mit zitternden Schnurrhaaren und gesträubtem Rückenfell. Ab und zu zuckte sie zusammen und schlug mit dem Schwanz auf den Teppich, als brüte sie über die Zudringlichkeit des Suchhundes.
»War ein richtig aufregender Tag«, sagte Mrs. Carmody doch ihre Stimme klang nicht mehr so unglücklich und angespannt. Die Arbeit und die Geschäftigkeit der anderen hatten sich als beste Therapie erwiesen.
»Und wie wär’s, wenn ich uns jetzt zum Abendessen ein paar Pastetchen machen würde?«
»Ich muß nach Hause«, sagte Meredith hastig.
»Alan hat mich zum Essen eingeladen. Aber trotzdem vielen Dank. Ich fahre beim Medizinischen Zentrum vorbei. Alan kommt nicht vor sieben, ich hab also Zeit genug.«
»Aber machen Sie ihm ja keine Vorwürfe«, sagte Mrs.
Carmody streng.
»Nun, ich kann nicht versprechen, daß ich ihm nicht mei ne Meinung sage. Aber er wird sich auch ärgern, wenn er hört, was Laxton hier angerichtet hat.« Als sie ging, waren die drei anderen in die Küche umgezogen. Mrs. Carmody rollte Teig aus, Michael hackte Zwiebeln, Jessica schälte Kartoffeln. Irgendwie waren sie auf Michaels Idee mit dem Gartencenter plus Bauernmuseum zu sprechen gekommen.
»Ich halte das für eine großartige Idee«, sagte Jessica.
»Was du noch brauchst, ist jemand, der mit Tieren umgehen kann, während du dich um die Pflanzen kümmerst.«
»Jessica versteht viel von Vieh, Schafen und Pferden«, sagte Mrs. Carmody.
»Ich hab ja gewußt, daß die alten Sachen uns eines Tages noch sehr nützlich sein würden. Jetzt bin ich froh, daß ich sie nicht an diesen Händler verkauft habe.« Einige Dinge scheinen sich von selbst zu klären, dachte Meredith, als sie sich anschickte, nach Bamford zurückzufahren. Aber daraus hatte sich eine Fülle neuer Fragen ergeben. Aus einer Eingebung heraus bog sie in die neue Straße ein, die zur Baustelle führte. Während der Osterfeiertage wurde nicht gearbeitet. Verlassen lag die Baustelle da, windgepeitscht, einsam und düster. Meredith parkte den Wagen, stieg aus und lief ein Stück die neue Straße entlang. Der Wind wehte hier draußen ungehindert und ging ihr durch Mark und Bein, da half nicht einmal ihr warmer Anorak; und obwohl sie die Hände in den Taschen hatte, waren ihre Finger jetzt schon taub. Sie zog sich die Kapuze über den Kopf, um die Ohren zu schützen, aber der Wind verfing sich in ihren Haaren, wehte sie ihr ins Gesicht und schleuderte ihr grobkörnigen Sand und Kieselsteine gegen die Beine. Der graue Himmel wurde schnell schwarz. Es war noch nicht spät, aber das Licht schon schlecht. Meredith wandte sich von der Straße ab, stieg über einen Graben zu dem bisher noch unberührten Weideland hinauf und ging vorsichtig weiter. Der Boden war weich und uneben, von derbem, büscheligem Gras bewachsen, und man konnte sich sehr leicht einen Knöchel verrenken. Es gab ganze Flecke mit Kaninchenlosung, auf die sie achten mußte, und sie scheuchte einen Hasen auf, der plötzlich in die Höhe sprang und vor ihr in die Sicherheit der Hecken flüchtete, den Zufluchtsort, den es bald nicht mehr geben würde. Sie folgte der Fährte des Hasen und hörte, als sie zu den Hecken kam, von der anderen Seite her ein hohes, monotones Jaulen. Es kam nicht von den Bulldozern, die etwa eine halbe Meile entfernt still in dem umzäunten Hof standen. Das Geräusch schwoll an und wurde wieder leiser, als käme die Maschine, die es verursachte, näher und entfernte sich dann wieder. Meredith rutschte in einen Graben, kletterte auf der anderen Seite wieder hinauf und zwängte sich durch das verfilzte Weißdorn- und Brombeergestrüpp. Vor ihr lag wieder ein Stück ehemaligen Weidelandes, doch dieser Teil war bereits Opfer der Baugesellschaft geworden. Hier gab es keine Ziegelmauern, aber eine neue Asphaltstraße war im Entstehen, durchzog den aufgewühlten Grasboden in einem närrischen Muster, endete vor Erdhügeln, führte weiter in flaches Grasland und dann ins Nichts, als habe die Hand eines Riesen in seinem Garten ein Labyrinth angelegt und dann, noch ehe es fertig war, das Interesse daran verloren. Hin und her in diesem Niemandsland unberührter schwarzer Fährten fuhren zwei jugendliche Motorradfahrer auf leichten Maschinen. Ab und zu verließen sie die asphaltierten Streifen und gingen Erdhügel an, übten ihre Klettertechnik, erzwangen sich mit keuchenden Motoren den Weg hinauf, in dem sie ihre Stiefel gegen den Boden stemmten. Dann ließen sie ihre Maschinen gefährlich steil hinunterholpern und -schlittern und hielten triumphierend und mit Schwung an. Der Fahrer, der ihr am nächsten war, entdeckte Meredith unter der Hecke und fuhr auf sie zu, ließ die Maschine über die Grasbüschel hüpfen und stoppte direkt vor ihr. Er rutschte auf dem Sattel nach hinten und öffnete sein Visier wie ein Ritter, der von einem mittelalterlichen Turnier zurückkehrte, um von seiner Dame eine Gunst zu erbitten.
»Hallo«, begrüßte er sie. Sie versuchte, durch das offene Rechteck des Visiers sein Gesicht zu erspähen.
»Du bist Barry, nicht wahr?«
»Stimmt. Hab Sie beim Pfarrer gesehn. Wolln sich also ’n Haus kaufen?« Das sollte offensichtlich das sein, was Barry unter einem Scherz verstand. Er hatte den Helm abgenommen und drückte ihn an die Brust. Dann zeigte er mit einer ruckartigen Kopfbewegung in die Richtung der weit entfern ten Häuser.
»Nein, besten Dank. Hat die Bauleitung nichts dagegen, daß ihr hier herumfahrt?« Barry grinste.
»Ja, der Polier kommt immer mit ’nem Höllenzahn angesaust, aber uns kriegt er nich. Wir haben ’n bißchen Spaß mit ihm. Einmal haben wir ’n in den Fluß gejagt. Hat am Ufer gestanden und uns beschimpft, also sind wir direkt auf ’n zugefahren, und er mußte springen. Is ins Wasser gefallen. Ham wir gelacht!«
»Klingt ein bißchen gefährlich«, sagte Meredith zweifelnd. Sie fragte sich, ob er von dem Mord gehört hatte. Vielleicht brachte er den Namen Hersey nicht mit seinem alten Feind in Verbindung.
»Nö. Er is’n Idiot und ’n Mistkerl dazu.« Wenn auch geneigt, dieser Einschätzung des Charakters von Hersey zuzustimmen, sah Meredith sich dennoch gezwungen zu sagen:
»Du weißt doch, daß er tot ist, oder?«
»Was – er?« Barrys Augen flackerten vor Überraschung, dann wurde sein Blick vorsichtig.
»Hat nix mit uns zu tun.«
»Das habe ich nicht behauptet. Hast du von dem Mord in der Nähe des Fox and Hounds gehört?«
»Oh, davon? Ja. War das er?« Barry überlegte eine Weile.
»Also, da soll mich doch gleich«, sagte er überraschend sanft.
»Muß ich gleich meinem Kumpel verklickern.«
»Als ihr ihn gejagt habt, hätte er sich die Nummern eurer Kennzeichen merken und euch anzeigen können«, sagte sie. Barry zuckte mit den Schultern.
»War doch nur ’n Spaß. Außerdem hätt er das nie getan, zu den Cops gehn. Nich er.«
»Warum nicht?« Barry warf ihr den Blick eines Mannes zu, der einer Unschuld das Leben erklärt.
»Weil er von der Sorte war, die keine Cops mag – mochte«, korrigierte er sich.
»Wenn er uns erwischt hätte, hätt er uns umgebracht. Aber es gibt so ’ne, die wo zur Polizei gehn, und so ’ne, die nich hingehn.« Das ist wohl wahr, dachte Meredith. Sie bezweifelte, daß Alan anderer Meinung gewesen wäre.
»Seid ihr oft mit euren Motorrädern hier, du und deine Freunde?«
»Ja, wenn wir schönes Wetter haben.« Sie wählte ihre nächsten Worte sehr vorsichtig. Barry war es gewohnt, immer als einer der ersten beschuldigt zu werden, wenn etwas schiefging, und sein Instinkt für Selbstverteidigung war schnell hellwach.
»Wart ihr auch an dem Wochenende, bevor man den Toten in dem Fundament gefunden hat, hier draußen? Ich meine, wenn ihr hiergewesen wärt, hättet ihr mit den Mördern zusammentreffen können, und das hätte vielleicht ein böses Ende genommen.« Barry hauchte seinen Helm an und entfernte sorgfältig einen Schmutzstreifen.
»Wir waren an dem Wochenende hier, haben aber nix gesehn.« In seiner Stimme war echtes Bedauern.
»Wär cool gewesen, wenn wir was gesehn hätten. Bamford is’n Kaff, hier passiert nie was, und wenn was passiert, dann verpaß ich’s, verdammt.«
»Ihr habt keine fremden Wagen gesehen?« Das brachte sie auf einen Gedanken, und sie fragte aus einem Impuls heraus:
»Keinen BMW oder einen anderen Wagen mit ausländischen Kennzeichen?«
»Nö, nur’n mit Schlamm bespritzten, alten Landrover. Aber den hab ich schon oft gesehn. Gehört dem Typen, der sich um die Schafe kümmern tut. Aber dem gehn wir aus’m Weg, mein Kumpel und ich.«
»Du meinst einen großen rothaarigen Mann?«
»Genau den mein ich. Dachte, mein Kumpel und ich täten seine Schafe erschrecken. Das war, bevor sie dieses Stück Straße fertiggemacht haben und wir irgendwo auf den Feldern rumgefahren sind, sind aber den Schafen immer aus’m Weg gegangen und ham ihnen nie was getan. Aber dieser rothaarige Typ hat uns mal mit ’ner Schrotflinte bedroht. Deshalb ham wir uns später, wenn wir ihn kommen gesehen ham, hinter den Hecken versteckt, bis er wieder weg war.«
»Alwyn hat euch mit einer Waffe bedroht?« stieß Meredith hervor. Alwyn war jähzornig, das hatte sie selbst im Fox and Hounds erlebt, und wenn er auf einen anlegte mußte das ein furchterregender Anblick sein. Farmer hatten das Recht, Hunde zu erschießen, die Schafe hetzten. Vielleicht hatten Barry und sein Freund Glück gehabt, daß Alwyn nicht einen Schritt weiter gegangen war und ihnen eine Ladung Schrot aufgebrummt hatte.
»Ja, wir hatten vielleicht Schiß, mein Kumpel und ich«, sagte Barry aus tiefstem Herzen.
»Ich sag Ihnen, mit dem ham wir nix am Hut nich.« Barrys Begleiter, der ungeduldig in der Nähe wartete, rief nach ihm.
»Wir sehn uns«, sagte Barry und setzte den Helm auf.
»Vielleicht beim Pfarrer.«
»Noch immer Gartenarbeit?«
»Das’n Kinderspiel. Der Pfarrer macht kein Getu um nix. Der is in Ordnung. Ham Sie seine Yamaha gesehen? Würd ich gern mal ’ne Runde mit drehn. Ein geiles Gerät is das, keine Schwierigkeit für mich.«
»Ich denke, damit würdest du dir eine Menge Schwierigkeiten einhandeln; es wäre keine gute Idee, dir die Maschine zu ›leihen‹, Barry«, sagte Meredith energisch.
»Du würdest in Pfarrer Holland einen guten Freund verlieren.«
»Schon gut, ich faß das Ding nich an! Cheers!« Grinsend befestigte er den Kinnriemen seines Helms und ratterte davon. Meredith machte kehrt. Zu ihren Füßen kämpften die Heckenpflanzen zwischen dem aufgewühlten Lehm und den Trümmern vom Straßenbau ums Überleben; gelbes Schöllkraut, Waldanemonen, Nesseln, Klee, derbe Gräser, alles klammerte sich büschelweise an die verdammte Erde. In der Zähigkeit der Natur steckte etwas Heroisches und zugleich etwas Rührendes. Bald genug würde der Beton kommen und sie alle unerbittlich überrollen, sie für immer begraben, begraben wie den toten Mann. KAPITEL 20 Wie vorauszusehen und unvermeidlich, stritten sie und Alan heftig über die Ereignisse dieses Donnerstags. Anfangs war Meredith von ihrem Zorn und der Erinnerung an Dolly Carmodys verängstigtes Gesicht und an ihre Verwirrtheit so erfüllt, daß sie sich überhaupt nicht anhören wollte, was er zu sagen hatte. Als sie sich soweit beruhigt hatte, um zuzuhören, wurde die Sache auch nicht besser. Selbstverständlich war nicht seine Schuld, was heute morgen auf Witchett passiert war. Das mußte sie einräumen. Und sie merkte ihm auch an, daß er alles andere als erfreut war, als er erfuhr, wie sehr Dolly Carmody sich aufgeregt hatte. Er preßte die Lippen zusammen, und sie vermutete stark, daß der Mann aus London nicht sehr glimpflich davonkommen würde. Gleichzeitig war er jedoch nicht bereit, Laxtons Handlungsweise als solche zu verurteilen. Dieser Schulterschluß ärgerte sie mehr als alles andere.
»Er hat getan, was er tun mußte, es ist sein Job«, sagte er entschieden.
»Ich gebe zu, ich hatte gehofft, Pearce könnte ihn begleiten, aber entweder war das Laxton nicht klar, oder es war ihm klar, und er wollte meinen Spion nicht dabeihaben … Wie auch immer, er wollte seinen Einsatz organisieren, und dazu hatte er auch das Recht. Deshalb ist er ja hergekommen.«
»Nach Drogen suchen? Auf Witchett? Der Yard muß bescheuert sein.« Sie sah, wie Alans Gesicht sich verhärtete. Das war eine Polizeiangelegenheit, und er war nicht bereit, mit ihr darüber zu diskutieren oder auch nur zu bestätigen, was Laxton gesucht hatte. Sie gab jedoch nicht auf.
»Ein Suchhund, da ist es doch offensichtlich, oder? Lassen Sie sich eins sagen: Laxton hat verdammtes Glück gehabt, daß Dolly Carmody keinen Herzinfarkt erlitten hat, während er da war. Sie hatte einen Schwächeanfall, war kurz ohnmächtig, und die Polizei hatte ein paar Minuten lang mächtig Fracksausen, und recht ist ihr geschehen. Aber die Polizeibeamtin hat ihr einen Schluck Brandy gegeben, und sie hat sich wieder erholt. Was, in aller Welt, hat Laxton erwartet? Eine Frau ihres Alters, die allein dort draußen lebt – und das unglaublich altmodisch und der Tradition verhaftet. Ein Rudel Fremder, das uneingeladen und unerwartet am frühen Morgen gewissermaßen über sie hereinbricht, bevor sie Zeit hat, einen Bissen zu essen. Ein ganzes Aufgebot, das in ihren Hof einfährt und Staub aufwirbelt wie – wie in einem Westernfilm. Dann kehren sie das Oberste zuunterst und lassen ein verdammt schreckliches Durcheinander zurück, das ich und noch ein paar andere aufräumen müssen. Soweit es Ihren Freund Laxton betrifft, war er wohl der Meinung, Dolly solle selbst alles wieder in Ordnung bringen. Hätte er nicht wenigstens so viel Anstand besitzen sollen, ihr vorher mitzuteilen, was er plante?«
»Seien Sie doch nicht blöd. Was hätte es für einen Sinn, anzukündigen, daß man kommt, wenn man nach etwas – etwas Illegalem sucht?« Das war richtig. Meredith schwieg eine Weile und beruhigte sich ein wenig.
»Es war trotzdem eine Gemeinheit«, sagte sie endlich.
»Ob korrekt oder nicht.« Alan beugte sich vor und sah sie grimmig an.
»Wir tun vieles, was Sie eine Gemeinheit nennen. Laxton tut es, ich tue es, alle Polizisten tun es. Es ist ein mieser Job. Sie hatten nichts dagegen, Detektiv zu spielen und die Grauen Leute als Vorwand zu nehmen, um auf Greyladies und der Baustelle herumzuschnüffeln. Aber echte Detektivarbeit ist schmutziger, und wir schleichen nicht auf Katzenpfoten um den heißen Brei herum. Wir steigen in den Dreck hinunter, rühren fleißig darin, und ja, oft kommen wir dreckig raus. Wir nehmen Eltern ins Verhör, deren Kinder verschwunden sind und die halb wahnsinnig sind vor Kummer. Wir stören die Trauer derjenigen, die einen Menschen durch den Tod verloren haben. Wir sitzen an den Krankenhausbetten von Leuten, die fürchterlich zusammengeschlagen wurden, und plagen sie, weil wir Einzelheiten über den Angreifer wissen wollen. Sie wollen nur eins, die Erinnerung verdrängen, und Leute wie ich lassen das nicht zu. Es gefällt uns nicht, keinem von uns, weder mir noch Pearce, noch Laxton, aber wir müssen es tun.« Er lehnte sich zurück und fügte sanfter hinzu:
»Es ist heute besser als vor Jahren. Jetzt haben wir Krisenzentren für vergewaltigte Frauen und speziell ausgebildete Polizeibeamtinnen, die sich um die Opfer kümmern, außerdem noch viele andere Leute mit Sonderausbildungen. Aber wenn es darauf ankommt, muß man an einem bestimmten Punkt seine Gefühle verdrängen und die Fragen stellen, die niemand hören oder beantworten will. Selbst der Skandal … Haben Sie eine Ahnung, wie viele Menschen eine Leiche im Keller haben? Wir zerren den ganzen Tag alte, verstaubte Gebeine ans Licht, all die traurigen kleinen Geheimnisse, die sie jahrelang bewahrt hatten. Natürlich versichern wir ihnen, wir würden die Information nicht weitergeben, die am Ende gar nicht relevant ist, aber allein die Tatsache, daß wir wissen, daß irgend jemand etwas weiß, reicht manchmal aus, um einen Menschen zu zerbrechen.«
»Das ist mir klar«, unterbrach Meredith ihn scharf, über seinen selbstgerechten Vortrag verärgert.
»Aber wenn Sie Dolly schon nicht warnen konnten, hätten Sie wenigstens dafür sorgen können, daß sie nicht zu Hause war.«
»Laxton wollte sie dort haben. Er hat gesagt, er habe seine Gründe dafür. Vielleicht hätte ich die Sache anders gehandhabt, wenn es mein Job gewesen wäre, doch das war es nicht. Vielleicht aber hätte ich es genauso gemacht wie Laxton.«
»Es ist der Skandal«, sagte Meredith und sah ihn böse an.
»Ich glaube, am meisten hat Dolly sich aufgeregt, weil es für sie eine große Schande ist, daß die Polizei Witchett durchsucht hat. Sie hat sogar zu mir gesagt, es sei ein Segen, daß ihr verstorbener Ehemann das nicht mehr erleben mußte. Wie schrecklich, wenn eine alte Frau dazu getrieben wird, so etwas zu sagen.«
»Das tut mir natürlich leid«, sagte er steif. Nach einer Weile fügte er weicher und offenbar in Erinnerungen versunken hinzu:
»Ich weiß, was Angst vor Schande anrichten kann. Als junger Kerl – ich war eben in den Polizeidienst eingetreten – war ich mal bei der Durchsuchung eines Hauses dabei, in dem man die mumifizierte Leiche eines Babys gefunden hatte. Es stellte sich heraus, daß es schon vor über fünfzig Jahren gestorben war. Es war unehelich geboren und hatte, soweit man das noch feststellen konnte, nur ein paar Minuten gelebt, aber der Skandal, in diesen Tagen! Also haben sie den Leichnam über einem offenen Kamin eingemauert, und er wurde erst gefunden, als das Haus nach dem Tod der alten Dame von Grund auf renoviert wurde. Sie hatte über fünfzig Jahre dort gelebt und nicht gewagt, auszuziehen, weil sie Angst hatte, man könnte die sterblichen Überreste finden. Fünfzig Jahre mit dem Beweis ihrer Jugendtorheit, nur durch die Breite eines Ziegelsteins von ihr entfernt, sich ständig dessen bewußt und immer in Angst, jemand könnte es erfahren. Niemand verdient es, eine Schuld sein Leben lang so mit sich herumzuschleppen. Nicht einmal das Gesetz verhängt heutzutage so strenge Strafen.«
»Aber Dolly hat nichts getan«, beharrte Meredith auf ihrem Standpunkt.
»Sie wurde für nichts und wieder nichts bestraft.«
»Nicht für nichts«, sagte er ruhig.
»Für das Unrecht, das ein anderer begangen hat und von dem sie vielleicht nichts weiß. Eine unschuldige Person hat gelitten, das heißt aber nicht, daß es kein Verbrechen gegeben hat.« Er verstummte, und Meredith fiel nichts mehr ein, was sie noch hätte sagen können, obwohl ihre Entrüstung noch längst nicht besänftigt war. Beiden war nicht danach zumute, zum Abendessen zu gehen. Markby fragte halbherzig:
»Noch Lust, auszugehen?«
»Nein, nicht besonders. Tut mir leid. Ich weiß, es ist nicht Ihre Schuld. Aber ich bin noch immer aufgeregt und innerlich irgendwie aufgewühlt. Ich könnte nicht dasitzen und essen, auf keinen Fall in der Öffentlichkeit.«
»Wenn Mrs. Carmody das Gefühl hat, ungerecht behandelt worden zu sein, kann sie offiziell Beschwerde einreichen.«
»Sie würde sich nie beschweren, gehört nicht dieser Generation an. Die heutige quengelt und jammert. Die ihre lebt einfach weiter.« Meredith sah zu ihm auf.
»Ich weiß, daß alles stimmt, was Sie gesagt haben. Alles. Ich meine, daß Sie oft gemeine Dinge tun müssen und sich dann mies fühlen. Doch ich glaube nicht, daß ich das jemals akzeptieren könnte.« Mutig nannte sie das Problem beim Namen.
»Ich meine, wenn wir versuchten, zusammen zu leben, eine feste Beziehung eingingen, würde uns das mit der Zeit voneinander entfernen. Das glaube ich wirklich.«
»Ich kann nicht aufhören, Polizist zu sein«, sagte er nüchtern.
»Und ich kann nicht aufhören, ich zu sein und zu fühlen, wie ich fühle.« Markby verließ das Zimmer, und man hörte, daß er in der Halle seinen grünen Parka anzog. Er kam zurück und sagte:
»Dann fahre ich eben nach Hause. Vielleicht können wir an einem anderen Abend essen gehen, bevor Sie nach London zurückfahren.«
»Ja, an einem anderen Abend.« Es war der schlimmste Streit, den sie je gehabt hatten, und er hatte viel zerstört. Sie hatten schon oft Krach gehabt und heftige, aber kurzlebige Wortwechsel. Diesmal war er kälter, ging tiefer. Die Wunde würde heilen, aber die Narben blieben. Und Meredith hatte das Gefühl, daß ihre und Alans Beziehung schnell auf einen toten Punkt zusteuerte.
Tatsächlich hatte Markby schon früher als Meredith von Laxtons
»Besuch« auf Witchett erfahren, aber nicht früh genug, um die Vorgehensweise beeinflussen zu können. Als er an diesem Donnerstagvormittag ins Revier gekommen war, ungefähr um die Zeit, als Meredith den Viehmarkt besuchte, war die Durchsuchung auf der Witchett Farm längst vorüber gewesen.
»Ich weiß, Sie wollten, daß ich ihn nach Witchett begleite«, hatte Pearce mit einem furchtsamen Blick gesagt.
»Aber ich habe erst davon erfahren, als alles vorbei war. Er hat es selbst organisiert.«
»Schon gut, schon gut.« Markby seufzte.
»Nicht Ihre Schuld.« Er warf einen Blick zu dem im Augenblick nicht besetzten Schreibtisch, der in der Ecke für Laxton aufgestellt worden war.
»Wo ist er?«
»Er ist sehr bald nach der Razzia gekommen, hat endlos telefoniert und ist wieder verschwunden.« Pearce zögerte.
»Hat sehr verärgert ausgesehen.«
»Er ist verärgert. Dolly Carmody muß im Dreieck gesprungen sein.«
»Er hat die Nachricht hinterlassen, daß er im Crossed Keys zu erreichen ist.«
»Fürchtet, wir könnten ihm über die Schulter schauen, wenn er seinen Bericht schreibt«, sagte Markby unliebenswürdig.
»Oder will uns keine Gelegenheit geben, über seinen Mißerfolg hämisch zu grinsen. Als ob es auf Witchett je Drogen gegeben hätte! Wofür hält er Dolly Carmody, für eine Art Patin?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Pearce diplomatisch. Als er im Lauf des Tages noch mehr Einzelheiten über die Razzia erfuhr, wurde Markbys Stimmung immer aggressiver. Er hatte natürlich gewußt, daß Laxton eine Durchsuchung beabsichtigte, und war darauf vorbereitet gewesen, daß Mrs. Carmody verärgert sein würde. Aber nicht so sehr, daß sie beinahe einen Zusammenbruch erlitt. Als er sich am Abend mit Meredith getroffen hatte und aus erster Hand erfuhr, wie verzweifelt Dolly gewesen war, und er außerdem mit Meredith in Streit geriet, war er nahe daran zu explodieren. Was das Faß jedoch zum Überlaufen brachte, war die Tatsache, daß er Laxtons Aktion Meredith gegenüber verteidigen mußte. Laxton war ein Kollege, und theoretisch arbeiteten sie gemeinsam am selben Fall. Er wußte auch, daß er, wäre er Laxton gewesen, möglicherweise genauso gehandelt hätte. Andererseits aber auch wieder nicht. Nicht ohne Grund hatte der Yard einen eigenen Mann geschickt, der frei war von lokalen Vorurteilen und unbeeinflußt von persönlichen Bekanntschaften und daher auch keine große Rücksicht nehmen würde. Aber Laxton mußte auch nicht hierbleiben und sich auf lange Sicht mit den unausbleiblichen Folgen auseinandersetzen. Als Markby am Freitagmorgen ins Büro kam, war es vielleicht ganz gut, daß Laxton wieder nicht da und im Crossed Keys zu erreichen war. In diesem traurigen Hotel heckte er, vor neugierigen Fragen sicher, zweifellos seinen nächsten Streich aus. Markby rührte in seinem Kantinenkaffee und starrte finster vor sich hin. Gleichgültig, was McVeigh behauptete, war da eine hauchdünne Spur von, nun, nicht Kritik. Daß Laxton nach Bamford geschickt worden war, war weder als offene noch als versteckte Kritik an Markbys Methoden oder Fähigkeiten gedacht gewesen. Man hatte Laxton geschickt, weil er Spezialist war und der erste Teil der Ermittlungen Laxtons Spezialgebiet betroffen hatte. Dennoch war es nicht einfach, nicht das Gefühl zu haben, daß die allgemeine Tüchtigkeit der Bamforder Polizei dadurch leicht in Mißkredit geraten war. Natürlich, sie waren mit der Drogenszene nicht vertraut und auf diesem Gebiet keine Spezialisten, aber auch in Bamford waren Drogen nicht unbekannt. Trotz anderer Fälle, mit denen er sich derzeit beschäftigte, war er noch mit dem Tod von Lindsay Hurst befaßt und bemüht, herauszufinden, wer ihr das Heroin geliefert hatte, an dem sie gestorben war. Ohne Show und ohne Aufsehen vielleicht, aber dennoch sicher und methodisch siebten sie die wenigen Beweise und folgten hartnäckig der schwachen Spur, die sie zu Lindsays Dealer und seinen Hintermännern führen sollte. Sie waren eine ausgebildete, erfahrene Truppe, verdammt, und eine mit einer außergewöhnlich hohen Aufklärungsrate auf allen möglichen Gebieten. Mehr noch, sie hatten immer hervorragende Beziehungen zur Öffentlichkeit gehabt. Beziehungen, die jetzt gefährdet waren, weil Laxton sich wie ein Elefant im Porzellanladen benommen hatte, was er ohne Folgen in der Metropole tun konnte, was aber hier auf Monate hinaus Gesprächsstoff sein würde. Es konnte nicht ausbleiben, daß man der Bamforder Polizei die Schuld für das, was auf Witchett geschehen war, in die Schuhe schieben würde, so ungerecht das auch sein mochte. Sie mußten sich auf einige hitzige Kommentare gefaßt machen und sich dagegen wappnen. Dolly war in und um Bamford sehr bekannt und beliebt, und nicht nur die Farmer würden sich tief getroffen fühlen. Dann hatte Markby es noch mit Meredith’ Reaktion vom vergangenen Abend zu tun, die auch vorhersehbar gewesen, aber trotzdem schwer zu ertragen war. Er wünschte jetzt, er hätte sie nie angerufen und gebeten, Lauras Haus zu hüten. Sie hätten ihre gegenseitige Gesellschaft genießen und sich nicht streiten, sich nicht bittere Wahrheiten ins Gesicht sagen sollen. Wahrscheinlich hatte er sich zum Narren gemacht, als er ein paar Abende vorher versucht hatte, die Dinge zu beschleunigen. Doch so einfach war es nicht. Sie könne sich mit seiner Arbeit bei der Polizei nicht abfinden, das hatte sie gesagt, und es war ihr ernst gewesen. Sie würde sich nie damit abfinden können. Rachel, seine Exfrau, hatte sich auch nicht damit abgefunden, aber aus ganz anderen Gründen. Rachel hatte sich ein anderes Leben gewünscht als das, das er ihr bieten konnte. Sie war nicht damit einverstanden gewesen, daß ihr gewissermaßen die gesellschaftlichen Schwingen gestutzt worden waren; seine Pflichten als Polizist und alles, was dazu zählte, hatten sie nie gestört. Rachel hatte über Polizeiarbeit weder viel gewußt, noch hatte sie sich genug dafür interessiert, um zu fragen. Sie bemängelte nur, daß er unerwartet abberufen wurde und ihre Pläne verdarb, daß er auch in den besten Zeiten außerhalb der normalen Arbeitsstunden Dienst tun mußte. Hinzu kam noch seine unerklärliche Besessenheit, wie sie es nannte, für Pflanzen und das Herumwerkeln in seinen ältesten Klamotten; und das war wirklich mehr gewesen, als sie ertragen konnte. Um das Leben zu führen, das sie sich wünschte, brauchte sie einen anderen Ehemann, und da sie Rachel war, hatte sie, sobald ihr das bewußt geworden war, damit nicht hinter dem Berg gehalten. Wenn er ehrlich war, war ihm das Ende seiner Ehe damals nicht wie eine Katastrophe, sondern wie eine Befreiung vorgekommen. Auch ihm war klargeworden, daß diese Verbindung ein Irrtum war. Er jedoch hätte sie aus Prinzip aufrechterhalten. Rachel hatte keine solchen Skrupel. Er vermißte Rachel nicht. Doch er vermißte Meredith, wenn sie nicht da war. Wenn er daran dachte, daß jetzt der Tag gekommen war, an dem sie sich für immer trennen würden, und er sie nie wiedersehen sollte … Markby spürte einen dumpfen Schmerz in der Brust, den er seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gekannt hatte, wahrscheinlich nicht mehr, seit er in den Zwanzigern gewesen war. Er überlegte, ob er sie anrufen sollte, aber wahrscheinlich wollte sie heute morgen nichts von ihm hören. Er nahm ihr nicht übel, was sie gesagt hatte. Sie war geradezu schmerzhaft aufrichtig, und das war immer eine jener Eigenschaften gewesen, die er am meisten an ihr bewundert hatte. Sie hatte sich um Fairness bemüht, trotzdem hatte er das Gefühl, in ihren Augen kleiner geworden zu sein. Und an allem, dachte er mit aufwallendem Zorn, ist Laxton schuld. Laxton, den er so eifrig verteidigt hatte, um berufliche Solidarität zu demonstrieren. Laxton, der Markbys Ruf nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land gründlich verdorben und seiner Freundschaft mit einer alten Bekannten erheblichen Schaden zugefügt hatte; und was das Allerschlimmste war: Er hatte auch eine eventuelle künftige enge Beziehung mit Meredith gefährdet. Markby wünschte sich von Herzen, DCI Laxton würde für immer und ewig in dem französischen Verbrauchermarkt eingesperrt, den er so bewunderte. KAPITEL 21 Am Freitagmorgen gab es wenig, das geeignet gewesen wäre, Meredith’ Lebensgeister zu wecken. Der Himmel war bedeckt und der Wind kalt. Die frühen Wetterberichte im Lokalsender prophezeiten für den Nachmittag sturmartige Böen. Es war Karfreitag, ein Tag für trübe Gedanken. Sie hatte mit Alan gestritten. Wenn das Wetter nicht umschlug, würden die Osterfeiertage ein Reinfall. Und als teile er Meredith’ trübe Stimmung, fing Lauras Frühlingsstrauß schon an zu welken. Die Iris hatten sich zusammengerollt, und die gelben Blütenblätter der Narzissen wurden schrumplig. Meredith gab den Blumen frisches Wasser und warf ein Aspirin hinein, beschnitt die Stengel und hoffte auf das beste. Die Tulpen und die Fresien hielten sich gut. Meredith wünschte, ihre Probleme könnten auch mit einem Aspirin kuriert werden. Susie, in einem leuchtend hellgrünen Jogginganzug, kam vorbei, verkündete:
»Himmel, ist das kalt!«, und teilte Meredith dann mit, daß sie und Ken am nächsten Morgen über Ostern nach Schottland führen. Sie sagte es so, als sei Schottland gerade eben ein Stückchen weiter unten an der Straße. Meredith erwähnte, daß sie vielleicht nicht mehr hier sein würde, wenn sie nach Ostern zurückkamen, und Susie wurde ganz rührselig und sagte, dann müsse sie heute abend unbedingt zum Essen kommen.
»Und bringen Sie Alan mit, hören Sie?« Das half wenig. Meredith murmelte etwas darüber, daß Alan am Abend oft zu tun habe. Doch sie wußte, daß sie die Einladung weitergeben mußte, was unter den gegebenen Umständen ziemlich peinlich war. Meredith zog den Mantel an und ging zu Fuß in die Stadt. In ihrer Kindheit waren die Läden am Karfreitag geschlossen gewesen. Heute hatten die meisten geöffnet. Nur ein paar wenige, meist einheimische Firmen hatten geschlossen. Die Leute schleppten übervolle Einkaufstüten mit Proviant für die Feiertage. Bevorstehende öffentliche Feiertage schienen auf die Menschen immer eine solche Wirkung zu haben. Sie kauften ein, als stehe eine Belagerung bevor. Meredith überlegte, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn sie für Sonntag ein Hühnchen oder etwas anderes besorgte, und fragte sich dann, ob Alan überhaupt zum Essen kommen würde, immer vorausgesetzt, daß ihre dilettantischen kulinarischen Bemühungen genießbar waren. Im nächsten Moment merkte sie, daß auf der Hauptstraße etwas los war. Ein Polizist hielt den Verkehr an, und am Randstein standen die Leute in Trauben und reckten die Hälse. Über die Köpfe hinwegblickend, sah sie, daß sich auf der Hauptstraße eine Prozession näherte. Sie wurde von zwei jungen Männern angeführt, die ein grob behauenes hölzernes Kreuz trugen. Einer war konventionell gekleidet, aber der andere war, wie sie überrascht feststellte, Barry in seiner ledernen Motorradmontur. Sie vermutete, daß man ihn dazu gepreßt hatte, doch wenn das der Fall sein sollte, schien er dennoch erstaunlich vergnügt. Hinter ihnen ging Pfarrer Holland in Soutane und Chorhemd mit einem geistlichen Kollegen, vermutlich einem Nonkonformisten mit Bäffchen. Ihnen folgte ein Chor, der im Augenblick nicht sang, aber Notenblätter in den Händen hielt, und zuletzt kam ein langer Zug von Gemeindemitgliedern. Pfarrer Holland entdeckte Meredith am Straßenrand und winkte.
»Kommen Sie mit!« rief er dröhnend. Meredith schloß sich dem Hauptteil des Zuges an, und jemand schob ihr ein Notenblatt in die Hand. Nach einiger Zeit sammelten sich alle vor der Kirchentür, und Pfarrer Holland begann, unterstützt von dem Kleriker in Bäffchen, eine Messe im Freien zu lesen. Es war zu kalt, um an diesem windigen Morgen still dazustehen. Meredith kreuzte die Arme vor der Brust und fröstelte. Das Kreuz war in der Vorhalle der Kirche aufgestellt worden; Barry hatte sich auf dem Stein eines Grabmals niedergelassen und sah mit seinem spitzen Straßenjungengesicht und schlaksigen Körper wie eine Art Luftgeist aus. Auf dem Kirchturm, beinahe direkt über ihm und vor ihm, hing eine mittelalterliche Regenrinne, die in einem lüstern übermütigen Wasserspeier mit schmalem Gesicht und spitz zulaufendem Käppchen endete. Zwischen Barry und dem Wasserspeier lagen tausend Jahre Christenheit, doch sahen sie sich unheimlich ähnlich, als habe das steinerne Haupt sich einen Körper zugelegt und sei von seinem Turm heruntergestiegen. Hinter einem Grabstein Zuflucht gegen die Kälte suchend, zog Meredith sich ein paar Schritte zurück und hörte Pfarrer Hollands endloser Predigt zu; er schrie gegen den immer stärker werdenden Wind an, der an seinem Chorhemd und an den Chorhemden des Chors zupfte und ihm ins Haar fuhr, so daß es senkrecht in die Höhe stand, als habe er einen Schreck erlebt. Sein breites Gesicht, von seinem buschigen Bart gesäumt, war von Kälte und eisigem Wind gerötet, doch er schien dagegen unempfindlich. Saatkrähen, die sich vom Wind tragen ließen, kreisten um den Kirchturm und untermalten die Stimme des Pfarrers und den Verkehrslärm auf der Straße mit ihrem Krächzen. Barry, in seiner schwarzen Ledermontur, hockte auf seinem Platz wie ein magerer Rabe, traktierte die Seite des Grabsteins mit den schweren Stiefeln, hob eine Hand, formte sie zu einer imaginären Pistole und feuerte auf die Vögel. Meredith sah, daß er mit den Lippen die Worte
»piff paff« formte und das lüstern übermütige Wasserspeier-Grinsen über sein Gesicht glitt. Pfarrer Hollands Stimme drängte sich in ihr Bewußtsein.
»Also lasset uns auf den kommenden Sonntag freuen, an dem wir die Auferstehung feiern, an dem wir an Wiedergeburt und einen neuen Anfang denken. Lasset uns beschließen, von neuem zu beginnen.« Pfarrer Holland verstummte und drehte sich um. Die Prozession bewegte sich in die Kirche, sogar Barry war von seinem Grabstein heruntergeklettert und hineingegangen, auf natürliche oder unnatürliche Weise verschwunden. Meredith tadelte sich wegen ihres Unernstes. Daß Barry hier war, war eine erstaunliche Leistung von Pfarrer Holland. Der Pfarrer schien bei seinem Gefolgsmann wider Willen endlich Erfolge zu erzielen. Vielleicht gab es keine verlorenen Fälle. Was man verlor, war der Wille zu kämpfen, der Mut weiterzumachen. Meredith stopfte das Notenblatt in die Tasche und machte sich auf den Weg zu Lauras Haus. Neu anfangen – richtig! Sie griff sofort zum Telefon und wählte die Nummer von Markbys Dienststelle. Als sie ihm von Susies Einladung erzählte, verlief das Gespräch noch ziemlich steif, schließlich aber platzte sie heraus:
»Hören Sie, das mit gestern abend tut mir leid. Es ist nicht so, daß ich heut morgen anders dazu stehe, aber ich weiß natürlich, daß das Ganze nicht Ihre Schuld war, und ich bedaure unseren Streit.«
»Ich auch.« Das klang erleichtert.
»Ich bin froh, daß Sie angerufen haben. Ich habe die ganze Zeit schon überlegt, ob ich Sie anrufen sollte, aber ich dachte, es wäre Ihnen vielleicht nicht recht. Ich habe jetzt zu tun, doch heut abend hole ich Sie ab, und wir gehen zu Susie. Haben Sie heute eventuell Zeit, nach Witchett hinauszufahren und zu sehen, wie es Dolly geht? Wir hier haben im Moment viel zuviel zu tun, deshalb kommt die menschliche Seite zu kurz. Aber die beiden Morde und die Fahndung nach dem Drogendealer, der Lindsay Hurst auf dem Gewissen hat, halten uns derart in Atem, daß ich keinen Mann entbehren und auch nicht selbst fahren kann.«
»Natürlich fahre ich hinaus. Ich hatte es ohnehin vor.« Meredith legte auf. Alles in allem doch kein so schlimmer Tag. Sie ging nach nebenan und teilte Susie mit, daß Markby am Abend frei sei und sie beide gern zum Essen kommen würden. Um welche Zeit? Susie sagte halb sieben, was Meredith ein bißchen erschreckte, da das für Alan möglicherweise doch zu knapp wäre. Also schlug Susie sieben Uhr vor und fragte, ob sie etwas gegen Hackbraten einzuwenden hätten. Das sei nämlich das einzige, das ihr fast immer gelänge. Meredith versicherte ihr, übrigens ganz ehrlich, daß sie Hackbraten liebte. Als alles zu jedermanns Zufriedenheit, besprochen war, war es fast zwölf, und Meredith briet sich in Pauls ultramoderner Küche ein Omelett. Kurz vor zwei holte sie den Wagen heraus und fuhr nach Witchett. Ihr ging es zwar besser, doch das Wetter wurde immer schlechter. Schwere Regenwolken hingen am Himmel, der Wind drückte die Baumkronen nach unten, und Windböen warfen sich so heftig gegen Meredith’ Wagen, daß die Fahrt auf dieser offenen Straße gefährlich wurde. Sie war glücklich, als sie in den sicheren Hafen von Witchett einfuhr. Der Hof war leer, abgesehen von einem alten, silbern lackierten Mini, den sie nicht kannte. Im Wohnzimmer saßen Dolly Carmody und Michael Denton, dem der Mini vermutlich gehörte, in ein ernstes Gespräch vertieft vor einem Feuer, das im Kamin bullerte. Weil der Wind an den Flammen zerrte und weil er auch an den Fenstern rüttelte, kuschelten sich die Katzen und der Spaniel vor dem Kamin aneinander.
»Ich hoffe, ich störe nicht«, entschuldigte sich Meredith.
»Ich bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, wie es Ihnen heute geht, Dolly.« Sie fröstelte.
»Draußen ist es wirklich scheußlich, und es ist seit heute morgen viel schlimmer geworden. Es wird bald regnen.«
»Oh, es geht mir viel besser, meine Liebe«, antwortete Mrs. Carmody.
»Und Sie hätten sich nicht die Mühe zu machen brauchen, bei diesem Wetter herauszukommen. Ich bin sicher, Sie hätten nichts gegen eine Tasse Tee.«
»Danke, das wäre wunderbar«, sagte Meredith.
»Alan hat mich gebeten, vorbeizuschauen, aber ich wäre ohnehin hergekommen. Alan bedauert sehr, was passiert ist … Er hatte mit der Sache nichts zu tun«, schloß sie verlegen.
»Keine Sorge, meine Liebe. Und sagen Sie Alan, auch er soll sich nicht den Kopf zerbrechen. Ich bin wirklich drüber weg, was ich Michael zu verdanken habe.« Michael scharrte mit den Füßen, wurde rot und ebenfalls verlegen.
»Wir haben über seine Ideen für Witchett gesprochen«, sagte Mrs. Carmody.
»Das Gartencenter. Ich muß sagen, ich finde sie erstklassig.«
»Wir würden viel Zeit brauchen und hart arbeiten müssen, um es zu verwirklichen«, sagte Michael schnell, mit einem gehetzten Blick auf Meredith.
»Wir brauchen nichts zu überstürzen, die Farm kann schließlich nicht über Nacht verschwinden«, sagte Mrs. Carmody.
»Mich erwischen Sie nicht dabei, daß ich an diese Bauleute verkaufe, nur keine Angst. Auf Witchett Häuser bauen. Nur über meine Leiche. Das habe ich den zwei Kerlen auch gesagt, die hier waren.«
»Zwei Männer waren bei Ihnen?« fragte Meredith.
»Ja, von der Baugesellschaft, die auf Lonely Farm baut – das heißt, einer davon war von dieser Gesellschaft, der andere war ein Einheimischer, Dudley Newman. Ich habe vor vielen Jahren seine Mutter gekannt. Daran habe ich ihn erinnert und ihm gesagt, ich sei überrascht, daß er auch nur daran gedacht hat, zu mir zu kommen und mir vorzuschlagen, auf Witchett Häuser zu bauen. Sie sind dann nach Greyladies weitergezogen, und ich weiß, daß George Winthrop sie genauso hat abblitzen lassen. Elsie hat es mir erzählt. Das war vor ein paar Monaten.« Sie lief eilig hinaus, um den Kessel aufzustellen.
»Ihre Idee scheint ihr eine Menge Auftrieb gegeben zu haben«, stellte Meredith fest.
»Hoffentlich glauben Sie nicht, ich hätte sie dazu gedrängt«, sagte Michael nervös.
»Ich hab’s nur erwähnt, und sie ist richtig darauf abgefahren.«
»Sie hat auf so etwas nur gewartet«, erklärte ihm Meredith.
»Und es ist die beste Möglichkeit, die sich jemand ausdenken konnte, um sie von dem abzulenken, was gestern passiert ist. Sie wünscht sich nichts mehr, als Witchett wieder bewirtschaftet zu sehen. Wenn es keine Farm mehr sein kann, und da denkt sie ganz realistisch, dann ist Ihr Vorschlag das nächstbeste. Übrigens – das Bauernmuseum gehört doch noch immer zu Ihrem Plan, oder? Sie wird begeistert sein, wenn ihre alten Sachen wieder zu Ehren kommen, herausgeputzt und ausgestellt werden.«
»Sie hat ein paar wundervolle Sachen«, sagte Michael. Er unterbrach sich; dann:
»Wenn ich Jess überreden könnte, mitzumachen, wäre das phantastisch.«
»Als ich gestern ging, schien sie mir auch ganz begeistert zu sein.«
»Das war – ist sie auch. Aber ihre Familie – die Winthrops. Die werden versuchen, uns einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Sie werden nicht wollen, daß sie hier mitmacht, und werden es zu verhindern wissen, darin sind sie ja geübt.«
»Ach, wissen Sie«, sagte Meredith nach einer Pause,
»wenn sie es wirklich will, können sie sie nicht daran hindern. Ich glaube, richtig motiviert, ist Jess durchaus imstande, auf eigenen Beinen zu stehen. Bisher hat es ihr an der Motivation gefehlt, doch die haben Sie ihr geliefert. Denken Sie doch daran, wie sie sich im Fox and Hounds gegen Alwyn aufgelehnt hat.« Er seufzte.
»Sich in der Öffentlichkeit mit vielen anderen drumherum gegen eine Person aufzulehnen, ist eines. Der vereinigten Winthrop-Phalanx zu widerstehen, etwas anderes. Ich will ganz offen sein. Es gefällt mir nicht, daß Jess auf Greyladies lebt. Ich weiß, es ist ihr Zuhause, aber es ist nicht der beste Ort für sie. Heute können wir uns nicht einmal mit ihr in Verbindung setzen, Dolly und ich. Dolly hat dreimal versucht anzurufen, aber niemand geht ans Telefon. Die Leitung ist in Ordnung, der Wind hat sie nicht beschädigt, doch niemand nimmt ab.«
»Vielleicht sind alle irgendwo draußen beschäftigt.«
»Vielleicht. Aber ich hätte gedacht, wenigstens Mrs. Winthrop müßte im Haus sein.«
»Sie ist möglicherweise zu Mrs. Chivers gefahren, Herseys Schwester.«
»Ja, das wäre möglich. Aber dann hat sie Jess mitgenommen. Wenn sie sie nicht in ihrem Zimmer eingesperrt haben.«
»Das würden sie doch nicht tun!« rief Meredith schockiert. Dann dachte sie an Mary Anne, verdrängte jedoch den Gedanken; man schrieb nicht mehr 1840.
»Wer weiß, was sie tun oder nicht tun würden. Ich sag Ihnen, sie sind nicht wie andere normale Menschen. Es gefällt mir nicht. Ich würde selber rüberfahren und verlangen, Jess zu sehen, aber ich denke, ich käme nicht einmal zum Hoftor hinein. Vielleicht fahre ich trotzdem hin und platze einfach rein. Alwyn Winthrop kann mich ja zusammenschlagen – und würde es auch tun, glaub ich.«
»Durchaus möglich«, sagte Meredith hastig.
»Ich empfehle es Ihnen jedenfalls nicht. Hören Sie, warum fahre ich anschließend nicht nach Greyladies hinüber? Ich habe Zeit und bin hier ohnehin schon auf halbem Weg.«
»Würden Sie das tun?« Sein Gesicht hellte sich auf.
»Dolly möchte ich nicht bitten. Sie ist noch ein bißchen wacklig, egal, was sie sagt, und außerdem möchte ich sie nicht mehr hineinziehen als unbedingt nötig. Die Winthrops sind ihre Nachbarn, und sie hatte bisher nie Streit mit ihnen. Es wäre mir schrecklich zu denken, sie könnten sich meinetwegen entzweien. Aber ich mache mir Sorgen um Jess. Vielleicht haben sie irgendwie erfahren, daß ich gestern hier war.«
»Ich versprech’s«, sagte Meredith, als sie Mrs. Carmody mit dem Teetablett aus der Küche kommen hörten. Sie sprang auf, um ihr zu helfen.
»Mir können sie nicht verbieten, Jessica zu besuchen.«
Es zu versprechen war ja schön und gut, dachte Meredith, als sie Witchett später verließ; aber das Wetter war noch schlechter geworden, und eigentlich wollte sie jetzt nur noch schnurstracks nach Bamford zurück und sich gegen den Sturm verbarrikadieren. Es goß in Strömen aus einem grauen Himmel, und der Regen hämmerte auf das Wagendach und klatschte gegen die Windschutzscheibe, als habe jemand einen Eimer Wasser dagegengeschleudert. Die Scheibenwischer waren praktisch nutzlos. Meredith beugte sich vor und bemühte sich, in dem Dunkel etwas zu sehen. Sie war nicht einmal sicher, ob sie auf der richtigen Straßenseite fuhr. Der Sturm peitschte die Baumkronen vor dem düsteren Himmel, alle Vögel waren geflohen. Kein anderer Autofahrer war unterwegs und nirgendwo ein Zeichen menschlichen Lebens. Es gab aber Anzeichen, daß die Straße überflutet werden würde. Die Abflußgräben zu beiden Seiten waren nicht mehr gesäubert worden, seit die Straße so wenig befahren wurde. Meredith fuhr unvorsichtig durch eine riesige Regenpfütze. Das Wasser spritzte auf beiden Seiten hoch auf, und sie fürchtete, der Motor könnte aussetzen.
Greyladies hätte genausogut auf dem Mond liegen können. Obwohl es dunkel war, sah man kein Licht im Haus, das sich vom bedrohlich aussehenden Himmel abhob. Die Scheune war leer, der Hund nirgends zu sehen, und vom Dach strömte das Wasser und klatschte in den immer tieferen Morast des Hofes. In der Mitte hatte sich schon eine riesige Pfütze gebildet, um die Meredith vorsichtig herumfuhr, bevor sie im Windschatten der Scheune anhielt.
Auf der Suche nach dem Landrover fiel ihr Blick auf einen Wagen, der hier neu war. Den BMW. Der Anblick bot ihr Stoff zum Nachdenken. Dieser Wagen war der letzte, den zu sehen sie hier erwartet hätte. Er parkte im Schutz eines Schuppenanbaus und war mit einer Persenning abgedeckt gewesen. Doch der Wind hatte sich in dem schweren, wasserdichten Material verfangen und es heruntergezerrt. Meredith versuchte durch das Fenster ihres Wagens das Kennzeichen auszumachen; es war ein ausländisches, doch wegen des Regens und der Dunkelheit konnte sie es nicht entziffern. Sie fragte sich, wem der Wagen gehörte und ob die Persenning darübergeworfen worden war, um den teuren Wagen zu schützen, oder ob man ihn verstecken wollte.
Um das oder etwas anderes herauszufinden, würde sie aussteigen müssen, und es gab nichts, wonach ihr weniger zumute war.
Sie setzte die Kapuze ihres Anoraks auf, öffnete die Wagentür und sprintete zum Haus. Unter dem unzulänglichen Vorbau zusammengekauert, klopfte und klingelte sie, aber niemand kam. Wo waren alle? Vielleicht hatte es einen Notfall mit den Schafen gegeben? Sie trat wieder hinaus in den strömenden Regen und inspizierte schnell die Fenster. Sie glichen lauter unfreundlichen Augen, und ob sich dahinter menschliche Augen versteckten und sie beobachteten, konnte man nicht sagen.
Meredith machte kehrt, um zu ihrem Auto zurückzulaufen, als ihr Blick auf den Stall fiel. Jessica wäre bei dieser Sintflut auf keinen Fall mit ihrem Pony ins Freie gegangen, vielleicht also war sie bei ihrem Tier im Stall. Meredith lief noch einmal los, Schlamm bespritzte ihr die Beine, Wasser drang ihr in die Schuhe, und dann war sie am Stallgebäude.
Es sah genauso aus wie das drüben in Witchett. Es gab vier Boxen, aber Jessicas Pony war das einzige vorhandene Tier. Es blickte auf, rollte mit den Augen und wieherte, als Meredith hineinschaute. Der Sturm hatte es nervös gemacht. Es stampfte mit den Hufen und schlug plötzlich heftig gegen die Stallwand aus. Meredith sprach beschwichtigend auf das Pony ein und schaute sich weiter um.
Hinter den Pferdeboxen war eine Art Scheune mit einer Holztreppe, die auf einen Heuboden führte; er mußte sich über die gesamte Länge des Stalles hinziehen. Genauso wie bei Dolly. Meredith zog den Kopf ein und betrat durch die niedrige Öffnung die Scheune, warf die Kapuze ab und sah sich um.
Die Scheune war ziemlich ordentlich aufgeräumt, und in einer Ecke stand ein leichter zweirädriger Einspänner; das Ende der Deichsel ruhte auf dem Boden. Alles mögliche schien hier verstaut zu sein, aber kein Zeichen von Leben. Meredith zögerte und stieg dann die hölzerne Treppe zum Heuboden hinauf.
Hier oben war es so finster, daß sie praktisch nichts sehen konnte außer einigen Säcken mit Tierfutter. Eine Windbö, die noch schlimmer war als alle anderen bisher, ließ das Gebäude erzittern; es war, als werde im nächsten Moment das ganze Dach abgedeckt. Von unten kam wieder ein dumpfer Hufschlag. In seiner panischen Angst versuchte das Pony sich aus seiner Box zu befreien. Sie wünschte, Jessica wäre hier, um das Tier zu beruhigen. Meredith hatte keine Erfahrung mit Pferden und wagte es nicht, zu dem verängstigten Tier in die Box zu gehen.
Sie fröstelte. Sie konnte jetzt nicht versuchen, nach Bamford zurückzufahren, mußte abwarten, bis der Sturm ein wenig nachgelassen hatte. Hier oben war es wenigstens trocken. Bereit Geduld zu üben, setzte sie sich auf die aufgestapelten Säcke.
Da sie nichts anderes zu tun hatte, begann sie nachzudenken. Diese Farm war mehr als seltsam, Michael hatte absolut recht. Tatsächlich stimmte hier einiges ganz entschieden nicht. Sie konnte es Michael nicht übelnehmen, daß er sich Jessica von hier fortwünschte. Die Winthrops waren eine merkwürdige Gesellschaft. Jessica war zwar auch eine Winthrop, sah aber durch eine Laune der Erbanlagen nicht nur ganz anders aus, sie war auch anders. Vielleicht war Mary Anne so wie Jessica gewesen.
Der Wind heulte durch eine Spalte in den Dachsparren, und Meredith wickelte sich fester in den Anorak. Das Pony wieherte und schlug wieder aus. Wenn es ausbrach, konnte sie kaum etwas dagegen tun. Sie hatte nicht die Absicht, es draußen in Sturm und Regen einzufangen. Der Wind kreischte hoch und schrill, und sie fuhr zusammen. Es war unter diesen Umständen nicht schwierig, sich in das Jahr 1840 zurückzudenken. Nicht schwierig, sich statt des Windes die Flammen des brennenden Gebetshauses vorzustellen, wie Mary Anne sie gesehen hatte, als sie zum Fenster ihres verschlossenen Zimmers lief.
Es war schon merkwürdig, wie sie die Leute abwimmelten, die sie auf der Farm besuchen wollten. Sie war schließlich nur eingelassen worden, weil sie auf Alans Empfehlung gekommen war, davon war sie überzeugt. Michael hatte man ohne Umschweife hinausgeworfen. Und warum waren sie so gegen Michael voreingenommen?
Dann war da Alwyns Faszination für die Baustelle, die fast zu einer krankhaften Obsession ausartete. Steve Wetherall war sie aufgefallen, als Alwyn Tag für Tag dort gestanden und zugesehen hatte, wie die Mauern wuchsen. Und die Fundamente ausgebaggert wurden.
Meredith fuhr stocksteif in die Höhe. Alwyn mußte alles wissen, was es über die tägliche Routine auf der Baustelle zu wissen gab. Wie und wann die Fundamente gegraben, mit Beton aufgefüllt und die Mauern hochgezogen wurden … Alwyn.
Barry und sein Freund hatten während des Wochenendes an dem der erste Mord begangen worden war, keine Fremden auf der Baustelle gesehen, auch keinen fremden Wagen. Aber sie hatten einen
»alten, mit Schlamm bedeckten Landrover« gesehen, der, wie sie wußten, dem rothaarigen Farmer gehörte.
Meredith hörte nicht mehr das Heulen des Windes oder das Klappern der Holzwände, auch nicht den Regen, der unbarmherzig dagegenpeitschte. Sie dachte an den Abend, an dem Hersey gestorben war. Alwyn hatte nach der kleinen Szene mit Jessica und Michael Denton den Tisch verlassen. War aus dem Pub gestürmt. Aber wohin? Hersey war später gegangen … War Alwyn noch draußen umhergewandert?
Meredith schüttelte den Kopf. Es ergab keinen Sinn. Hersey war Alwyns Nachbar und Freund gewesen. Und was war mit dem ersten Mordopfer? Es gab kein Motiv? Und würde Alwyn töten? Vielleicht, dachte sie. Durch die Umstände gezwungen, könnte er es tun. Alwyn war ein kräftiger Mann und stand stark unter Streß. Er hatte Barry und seinen Freund mit einer Schrotflinte bedroht. Wer wußte schon, ob er seine Grenze der Belastbarkeit erreicht hatte oder tatsächlich schon darüber hinaus war?
Aber warum? Meredith lehnte sich an einen senkrechten Pfosten hinter ihr und schüttelte den Kopf. Müßig begann sie mit dem Finger die Buchstaben der Aufschrift des Sackes nachzuziehen, auf dem sie saß.
MILCHPULVER. EWG-PRODUKT. NUR FÜR DIE FÜTTERUNG VON KÄLBERN BESTIMMT.
Die Leute holten ihr tägliches Pint Milch von der Türschwelle ins Haus und dachten nie daran, wie sie hergestellt wurde. Damit eine Kuh Milch gab, mußte sie gekalbt haben. Doch wenn das Kalb zuviel Milch trank, war der Gewinn des Milchbauern zu gering, also wurde das Kalb der Kuh weggenommen und mit Trockenmilch gefüttert, die es bei der EWG im Überfluß gab, denn es wurde ohnehin zuviel Milch produziert. Meredith nahm an, daß in dem System irgendein vernünftiger Sinn steckte, obwohl sie über die Agrarpolitik des Gemeinsamen Marktes nicht sehr viel wußte. Oft kam sie ihr nicht sehr logisch vor.
Und ganz besonders unsinnig erschien sie ihr auf Greyladies, denn hier gab es keine Kälber. Niemand brauchte Milchpulver.
Meredith wirbelte der Kopf, und sie mußte sich zwingen, logisch zu denken, immer einen Schritt nach dem anderen. Alan hatte gesagt, die Winthrops hätten früher Vieh gezüchtet, Mastrinder. Vielleicht hatten sie Kälber gekauft, um sie zu mästen, und die Milch stammte noch von damals. Sie wünschte, sie wüßte mehr über das System. Doch es war jetzt schon einige Zeit her, seit das Experiment mit den Mastrindern schiefgegangen war. Laut Alan waren Schafe seit einigen Jahren die Haupterwerbsquelle der Winthrops. Würden sie unbrauchbares Milchpulver weiterhin lagern?
Sie stand auf und begann fieberhaft, die anderen Säcke zu untersuchen. Es waren sechs, und alle enthielten Milchpulver. Alle waren sauber und nicht verstaubt und sahen nicht so aus, als ob sie sehr lange hier lägen. Sie kramte in ihrer Umhängetasche und entdeckte eine kleine Nagelfeile.
Sie war nicht sehr scharf, genügte jedoch, um ein kleines Loch in den Sack zu reißen. Pulver rieselte heraus. Sie kostete es vorsichtig. Tatsächlich – Milchpulver. Doch sie war nicht zufrieden, und nach kurzem Zögern fand sie, sie sollte die Sache gründlich machen, und schlitzte den Sack seiner ganzen Länge nach auf.
Das Pulver floß in einer weißen Wolke auf den Fußboden, und zuerst war sie über ihren Vandalismus selbst entsetzt. Aber dann sah sie es: In dem Sack steckte ein Paket, sorgfältig in Plastik verpackt.
Meredith versuchte es herauszuholen. Auch ein weißes Pulver, im Milchpulversack versteckt. Diesmal zögerte sie nicht und riß einen zweiten Sack auf. Wieder eine weiße Milchpulverwolke. Und wieder im Sack ein kleines Paket, das ebenfalls ein weißes Pulver enthielt. Aber in diesem Paket war, darauf wollte sie wetten, kein Milchpulver, sondern Heroin.
In diesem Augenblick schlug unten eine Tür, und Meredith hörte Männerstimmen. Sie erstarrte und schaute sich wild um. So in ihre Tätigkeit vertieft, das Getöse des Windes so laut in den Ohren, hatte sie keine Schritte gehört. Wo sie auch gewesen sein mochten, jetzt waren die Winthrops jedenfalls wieder da. Entsetzt blickte Meredith auf den Boden. Zu ihren Füßen lag ein dicker weißer Staubteppich – der Beweis für das, was sie getan hatte. Die Winthrops wußten natürlich, daß sie irgendwo auf der Farm war, denn sie mußten ihren Wagen gesehen haben. Jetzt hörte sie einen Hund jaulen. Sie hatten den verflixten Hund dabei, und das hieß, daß einer der Männer Alwyn war. Wieder hörte sie Stimmen, und dann wurde es still, als habe einer der Männer die Scheune verlassen. Jemand ging unten hin und her, und dann knarrten die Stufen der Holztreppe; jemand kam auf den Heuboden. Wieder sah Meredith sich verzweifelt nach einem Versteck um, dachte daran, sich hinter den Säcken zu verkriechen, doch es waren zu wenige, um ein ausreichendes Versteck zu bieten, wenn nach ihr gesucht wurde. Und das würde zweifellos systematisch geschehen. Wenn der Hund heraufkam, würde er sie bald finden, und sie hatte auch gar keine Zeit mehr. Zuerst tauchte Alwyns roter Schopf auf und dann der ganze Mann.
»Hier sind Sie also«, sagte er.
»Ich hab vorausgesehen, daß Sie wiederkommen würden. Das hätten Sie nicht tun sollen.« Er sprach ganz gelassen, beinahe freundlich. Sie beobachtete, wie sein Blick auf das verschüttete Milchpulver fiel und dann zu den aufgeschlitzten Säcken und den Plastikpaketen schweifte.
»Hab mir schon gedacht, daß Sie intelligent sind«, fuhr er fort.
»Aber zu verdammt intelligent für Ihr eigenes Wohl.« Zu sagen, sie hätte keine Angst gehabt, wäre eine Lüge gewesen. Doch als sie ihn jetzt sah, verwandelte sich, da sie sich Unabwendbarem gegenübersah, Meredith’ Panik in eiskalte Entschlossenheit. Irgendwie fühlte sie nur Zorn. Zorn, weil das Ganze so schmutzig war, weil sie nichts tun konnte und weil sie, nach allem was gesagt und getan worden war, Alwyn gern hatte oder vielmehr gern gehabt hatte. Sie sagte laut und fest:
»Wie konnten Sie bei so etwas mitmachen, Alwyn? Es ist verabscheuungswürdig.« Sie zeigte auf eines der Plastikpakete, das aus dem Milchpulversack herausschaute. Alwyn kniff die Augen zusammen.
»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten.«
»Es ist meine Angelegenheit! Sie geht jeden etwas an, der von einer solchen Sache erfährt. Drogenhandel, Alwyn! Er ist das dreckigste aller Geschäfte. Er zerstört Menschen, junge Menschen, und er zerstört ihre Familien, alle, die sie lieben – alles. Wie würden Sie sich fühlen, wenn so etwas Ihre Familie zerstörte? Was würden Sie empfinden, wenn Jessica so etwas passierte? Wenn dieses Zeug sie umbringen würde? Denn das tut es, es mordet Menschen. Und das macht Sie zum Mörder!«
»Halten Sie den Mund!« schrie er sie an, und ein heftiger Donnerschlag machte sie im selben Moment für Sekunden taub. Sie sah, wie sein Mund arbeitete und sein Gesicht sich vor Wut verzerrte, während er ihr Worte zuschrie, die sie nicht hören konnte. Als der Donner vorüber war, fuhr sie mit ihrer zornigen Tirade fort.
»Drogensucht ist nichts, was Menschen zustößt, die weit weg und nicht real sind, Alwyn. Menschen, die irgendwie anders sind und nicht zählen. Sie stößt Menschen zu, die genauso sind wie jene, die Sie lieben. Um Himmels willen, Sie müssen doch von Lindsay gehört haben? Sie war ein Mädchen von hier. In Jessicas Alter und hübsch, und sie hatte eine Familie, die sie sehr liebte. Jetzt lebt ihre arme Mutter in einem Alptraum, der nie aufhört. Ein früheres Chormädchen, Alwyn, gut in der Schule, genau wie Jessica. Vielleicht wäre auch Lindsay Lehrerin geworden – wenn dieses« – sie streckte die Hand wieder nach einem der Pakete aus –
»dieses Zeug nicht ihr Leben zerstört hätte.« Alwyn machte einen Schritt auf sie zu, die riesigen Hände geballt, und sie dachte, er werde über sie herfallen. Doch er blieb stehen und knurrte wütend:
»Sie wissen gar nichts. Ich bin nicht, was Sie gesagt haben. Ich habe nie – wir haben nie – wir haben nur …« Seine Wut würgte ihn. Er schüttelte das rote Haar und befahl ihr schroff:
»Hinunter mit Ihnen!« Mit einer ruckartigen Kopfbewegung wies er auf die Treppe und trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Blitze flackerten, als sie vorsichtig hinunterstieg. So sehr sie es auch versuchte, sie sah keinen Ausweg für sich. Zwei Männer waren schon gestorben. Sie würden keine Skrupel haben, auch sie zu beseitigen. Als sie unten ankam, erinnerte sie sich an einen Gedanken, den sie gehabt hatte: Es gibt keine aussichtslosen Fälle, nur der Wille gibt auf. Sie durfte jetzt nicht aufgeben oder die Nerven verlieren.
»Ich werde ihnen sagen, daß ich Sie gefunden habe«, knurrte Alwyn.
»Rühren Sie sich nicht vom Fleck!« Er ging zum Scheunentor und wölbte die Hände um den Mund, um die anderen zu rufen, die nach ihr suchten. Doch bevor er das konnte, geschah etwas. Wieder ein heftiger Donnerschlag und sofort danach ein furchtbares Krachen; Holz splitterte. Die ganze Scheune bebte. Ein großer rechteckiger Gegenstand flog durch die Luft und landete klatschend in der Mitte der riesigen Pfütze auf dem Hof; schlammige Gischt sprühte hoch auf. Es war, als hätte es eine Explosion gegeben.
»Was zum Teufel war das?« stieß Alwyn hervor. Alwyn mochte die Ursache des furchtbaren Krachs nicht erkannt haben, Meredith kannte sie. Das Pony hatte sich endlich aus seiner Box befreit und die untere Hälfte der Doppeltür mit einem gewaltigen Tritt in den Hof befördert. Alwyn war aus der Scheune gestürmt, stand einen Moment lang wie benommen da und starrte wild in die Nacht, ehe er gezwungen wurde, sich durch einen verzweifelten Sprung in Sicherheit zu bringen, da mit schrillem Wiehern und dröhnenden Hufen plötzlich das Pony aus dem Gewitter auftauchte. Mit rollenden Augen, die Ohren zurückgelegt, den Schwanz hoch erhoben, galoppierte es durch das Scheunentor. Alwyn fluchte heftig, vergaß Meredith angesichts der neuen Notlage völlig und nahm die Verfolgung des Ponys auf. Der Hund hatte vor dem Scheunentor auf seinen Herrn gewartet, das lange schwarzweiße Fell war durchnäßt und klebte ihm am Körper, mit seiner schmalen Schnauze sah er mehr denn je einem Wolf ähnlich, machte mehr denn je den Eindruck, ein Tier des Waldes zu sein, und dann reagierten seine Reflexe. Hier war ein fliehendes Tier, kein Schaf zwar, doch der Hund kannte seine Pflicht. Er begann in dem morastigen Hof umherzulaufen, duckte sich, zog Kreise, warf sich nieder und versuchte vergeblich, das Pony in die Scheune zurückzutreiben. Das Pony wirbelte herum, senkte den Kopf und schnappte bösartig nach dem hündischen Quälgeist. KAPITEL 22 Alwyn war zum Gattertor der Koppel gerannt und zerrte daran herum, um es zu öffnen. Er blieb dort stehen und ruderte mit den Armen, um das Pony von der Hofeinfahrt weg zum Eingang der Koppel zu treiben. Über den Sturm hinweg hörte Meredith für den Hund bestimmte Pfiffe und Kommandos. In seinem Eifer zu gehorchen, schnappte er nach den Fesseln des Ponys und brachte sich dann mit einem Satz nach hinten aus der Gefahrenzone der fliegenden Hufe und furchterregenden Zähne. Wieder flackerte ein Blitz und beleuchtete die Szene wie ein Scheinwerfer eine unheimliche Zirkusnummer. In dem Ring, den der Hof bildete, raste das Pony, die offene Gattertür der Koppel ignorierend, ununterbrochen im Kreis herum. Alwyn folge ihm so linkisch wie ein Clown, brüllte und fluchte, pfiff schrill seinem Hund und stolperte, unbeholfen und sehr komisch anzusehen, durch den Schlamm. Der Hund gebärdete sich immer närrischer bei seinen Versuchen, das fliehende Pony in eine Ecke zu treiben. Die beiden würden für eine kurze Weile abgelenkt sein, und Meredith wußte, das war ihre einzige Chance. Sie rannte in den Hof. Der Wind zog sie an den Haaren, und der Regen schlug ihr ins Gesicht, als sie wild zuerst auf die eine, dann auf die andere Seite blickte und nach einem Ausweg suchte. Sie mußte sich vor dem Pony in acht nehmen, das auf der Suche nach einem Fluchtweg noch immer durch den Hof raste, während Alwyn sich bemühte, es in die Koppel zu treiben. Er stürmte an Meredith vorbei, ohne sie zu bemerken, rutschte mit seitlich ausgestreckten Armen im Morast aus. Meredith sah verzweifelt, daß er sich trotzdem zwischen ihr und ihrem Wagen befand. Der Wagen war ihre einzige Hoffnung, aus dem Hof zu entkommen, und jeden Augenblick würden die anderen Winthrops, die nicht weit weg sein konnten, den Tumult hören und erscheinen. Noch während sie das dachte, rief von weitem eine Stimme:
»Was zum Teufel machst du denn, Alwyn?« Meredith geriet in noch größere Panik. Sie konnte weder zum Wagen noch zur Hofeinfahrt laufen. Jeder Versuch, sich in einem anderen Nebengebäude zu verstecken, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Plötzlich stand sie in grelles Licht getaucht da. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann war es wieder dunkel. Sie dachte zuerst, es habe wieder geblitzt, aber kein Donner folgte. Dann flammte das Licht wieder auf, fiel als Rechteck auf den morastigen Boden, tauchte sie in Helligkeit und verschwand sofort wieder. Meredith fuhr herum und blickte zur Fassade des Hauses, woher das Blinklicht gekommen sein mußte. Hoch oben im zweiten Stock stand jemand am Fenster und winkte ihr. Jemand, der noch einmal das Licht an- und ausknipste. Die Gestalt war nur eine dunkle Silhouette, ganz kurz vom elektrischen Licht angeleuchtet, und sie konnte nicht sagen, wer es war, doch sie wußte instinktiv, daß es ein Freund sein mußte. Ohne zu zögern, stürzte Meredith auf das Haus zu und betete darum, daß die Haustür nicht verschlossen war. Die- oder derjenige hatte ihr die Lichtsignale geschickt, weil sie oder er nicht in den Hof kommen konnte oder wollte. Meredith drückte die Klinke hinunter, die sofort nachgab. Sie taumelte in die Küche, schloß die Tür hinter sich und lehnte sich kurz an; ihr Herz hämmerte, und das Blut dröhnte ihr in den Ohren. Die Küche war warm und gemütlich – die Wärme kam von einem altmodischen Küchenherd, obwohl es auch einen modernen Gaskocher gab. Auf ihm wurde vermutlich gekocht, während der Herd nur noch dazu da war, die Küche zu heizen. Der Tisch war für eine Mahlzeit gedeckt, Teller und Bestecke auf einem fröhlichen rotkarierten Tischtuch, und auf einem Holzbrett wartete ein riesiger, selbstgebackener Brotlaib darauf, aufgeschnitten zu werden. An der Wand hing eine Reihe glänzender Kupfertöpfe und -tiegel. Es schien kaum möglich, daß sie hier in Gefahr war. Doch das war sie, auch wenn sie irgendwo im Haus einen Freund hatte. Sie mußte diesen Freund oder, wenn ihr das nicht gelang, ein Versteck finden. Im Geist sah Meredith Alwyn mit der Bibelkassette die schmale Treppe herunterkommen. Er war mehr als ein Stockwerk hinaufgestiegen, um sie zu holen. Dieses alte Haus mußte einen Speicher haben, und wenn sie sich dort verstekken konnte, konnte sie sich vielleicht spät nachts hinunter und aus dem Haus schleichen und zu Fuß nach Bamford zurückgehen. Meredith begann die enge Wendeltreppe hinaufzusteigen. Im ersten Stock hielt sie sich nicht auf, denn die Räume hier wurden benutzt und boten ihr kein Versteck. Außerdem war dies nicht das Stockwerk, aus dem ihr Retter ihr gewinkt hatte. Sie stieg noch eine Treppe höher und hielt dann inne, um Atem zu schöpfen. Ihr Herz schlug wie eine Trommel, und sie hatte starkes Seitenstechen. Auf beiden Seiten des Flurs waren Türen, und in der Tür auf der linken Seite steckte ein Schlüssel. Erstaunt hörte sie plötzlich, daß jemand leise von innen an diese Tür klopfte und eine Mädchenstimme
»Meredith!« rief.
»Jess!« Meredith stürzte vorwärts und rüttelte an der Klinke.
»Sie ist zugesperrt!« rief Jessica.
»Sie haben mich eingesperrt!« Michael hat also recht gehabt, dachte Meredith grimmig. Auf Greyladies hatte sich seit den Tagen von Mary Anne nichts geändert. Sie drehte den Schlüssel um, und die Tür flog auf. Jessica packte sie, zerrte sie ins Zimmer und knallte die Tür hinter ihnen zu. Meredith stolperte zu einem Korbsessel und ließ sich erschöpft hineinfallen. Keuchend und einen Moment lang unfähig zu sprechen, schaute sie sich in ihrer neuen Umgebung um. Es war ganz offensichtlich Jessicas Zimmer. Die Tapete war pastellblau mit Muster aus Vergißmeinnicht und die Steppdecke auf dem Bett aus dunkelblauem Satin. Auf einer Kommode thronten von den Spielen der kleinen Jessica arg mitgenommene Stofftiere, und zwischen ihren Plüschpfoten steckten Fotos. Jess im College, Jess auf dem Pony, ein jüngerer Alwyn, der in die Kamera lächelte, entspannt und glücklich aussah. Ein einziger Blick auf dieses Foto verriet, wie sehr Alwyn sich verändert hatte und wie groß der Streß war, unter dem er seit Jahren lebte. Nervös warf Jessica das lange Haar zurück und beugte sich über Meredith. Leise und hastig begann sie zu sprechen:
»Ich hab Sie durchs Fenster gesehen, als Sie auf den Hof fuhren.« Ihre Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern:
»Ich konnte das Fenster nicht öffnen, konnte Sie nicht rufen, weil Alwyn es verkeilt hat. Er hat die Keile hineingehämmert, und ich hab sie nicht rausbekommen. Ich hab’s versucht …« Sie zeigte Meredith ihre Hände. Die Fingernägel waren eingerissen und blutig.
»Ich wollte Sie warnen, hatte aber keine Möglichkeit. Warum sind Sie gekommen?«
»Weil Michael sich um Sie gesorgt hat. Er ist bei Dolly, und ich habe ihm versprochen, nach Ihnen zu sehen. Warum hat man Sie eingesperrt?« Meredith atmete noch immer keuchend.
»Weil – weil er hier ist … Und sie wollten nicht, daß ich ihn sehe.« Jessica warf den Kopf zurück wie ein erschrecktes Pony, das ein neues, unheimliches Geräusch hört, und noch bevor Meredith fragen konnte:
»Wer ist hier?«, fügte Jessica verzweifelt hinzu:
»Sie kommen zurück.« Hektisch schaute Meredith sich im Zimmer um.
»Ich könnte mich im Schrank verstecken.«
»Ja, ja!« Jessica lief auf das Möbelstück zu, blieb dann jedoch stehen und rief erschrocken:
»O Meredith, der Schlüssel!«
»Schlüssel?« Im ersten Moment verstand Meredith nicht, dann sah sie entsetzt, daß sie den Zimmerschlüssel in der Hand hielt. Ihre Finger mußten ihn umklammert haben, als Jessica sie ins Zimmer gezogen hatte, und auch jetzt hielt sie ihn noch fest.
»Er wird es merken, Alwyn wird natürlich merken, daß er nicht mehr im Schloß steckt«, flüsterte Jessica.
»Wir müssen ihn wieder hineintun.«
»Jess«, flüsterte Meredith,
»wissen Sie, was die da drüben auf dem Heuboden haben?«
»Nein, das weiß ich nicht … Nur, daß es etwas ist, von dem ich nichts wissen soll … Meredith, der Schlüssel!«
»O ja …« Meredith gab ihn ihr, und Jessica flog zur Tür und öffnete sie. Auf dem winzigen Vorplatz stand keuchend und schlammbedeckt Alwyn.
»Sie sind eine verdammte Plage, das sind Sie«, sagte er heiser, als sein Blick auf Meredith fiel.
»Jess, du gehst wieder hinein und verhältst dich ruhig. Dein verdammtes Pony hat eben seine Box demoliert, aber ich hab’s geschafft, es auf die Koppel zu jagen, dort kann es sich austoben. Sie, Meredith, hinunter!«
»Ich komme mit«, sagte Jessica laut.
»Nein, das tust du nicht, Jess. Die Sache hat nichts mit dir zu tun.«
»Heroin«, sagte Meredith deutlich.
»Sie haben Heroin auf dem Heuboden, Jess. Pakete mit Heroin versteckt in den Milchpulversäcken.« Alwyns gerötetes Gesicht wurde kalkweiß, und einen Moment lang sah Meredith wirklich Mord in seinen Augen. Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie konnte es nicht verhindern, daß sie automatisch zurückwich. Dann drängte sich eine laute Stimme zwischen sie.
»Du Narr, Alwyn!« sagte Jessica. Ihre Angst schien völlig verschwunden.
»Du großer, dummer Idiot! Hast dich von ihm dazu überreden lassen, nicht wahr?« Ihre Stimme wurde lauter und immer vorwurfsvoller:
»Hast dich seit jeher von ihm zu allem überreden lassen! Er wird damit davonkommen, verschwinden, wie er es immer getan hat, und du kannst die Scherben aufsammeln. Siehst du das denn nicht? Er hat sich nicht geändert. Es sind noch immer seine alten Tricks, und du läßt dich noch immer von ihm übertölpeln. Ich weiß, daß er hier ist. Hab den protzigen ausländischen Wagen gesehen, mit dem er ankam. Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du eine Gaunerei vorhast, wenn du mich hier einsperrst?« Nicht zum erstenmal war Meredith tief beeindruckt, wieviel Mut Jessica ihrem Bruder entgegensetzte. Es war, als schlafe dieser Mut, bis es ganz schlimm um die Dinge stand; erst höchste Gefahr schien ihn zu wecken.
»Na schön«, sagte Alwyn mürrisch.
»Komm also auch mit hinunter. Aber ich hab dich hier nur eingesperrt, damit du nicht hineingezogen wirst, Jess. Was du nicht wußtest, hätte dir nicht schaden können. Jetzt steckst du mitten drin wie wir alle und nur, weil – weil dieses dumme Frauenzimmer es dir gesagt hat.« Er streckte die Hand aus und zeigte auf Meredith.
»Und weil du jetzt darauf bestehst, mitzukommen. Überleg es dir zweimal, um Himmels willen! Wenn du hinunterkommst, wirst du alles erfahren und bist dann genauso dran wie wir alle.« Nach einer kleinen Pause fügte er fast flehend hinzu:
»Ich wollte dich vor Schaden bewahren, Jess.«
»Du großer Tölpel«, sagte Jessica zornig, aber auch, wie Meredith erkannte, mit tiefer Zuneigung.
»Du hast noch nie klar und logisch denken können. Komm, Meredith, gehen wir hinunter und bieten wir ihnen die Stirn.«
Sie waren alle in der Küche, saßen um den Tisch herum, und es sah so aus, als wollten sie gleich zu essen anfangen – nur war nichts auf den Tellern. Als Alwyn mit den beiden Frauen eintrat, drehten sie sich zu ihnen um. Elsie Winthrop starrte Meredith finster an, Haß in den Augen. Neben ihr ihr Mann sah nur verwirrt, aber auch starrsinnig drein, wie eben ein einfacher Mann, der weiß, daß etwas schiefgegangen ist, aber nicht weiß, warum, und der sich den Konsequenzen nicht stellen will.
Es war noch ein Mann anwesend, ein Fremder, und Meredith ahnte nicht einmal, wer er war. Als sie eintraten, stand er auf und fragte scharf:
»Wie zum Teufel ist sie da hinaufgekommen? Und wer ist sie?«
Er war so groß wie Alwyn und genauso kräftig gebaut, und seine gebräunten Gesichtszüge wiesen eine gewisse Ähnlichkeit mit Alwyn auf, aber er war blond, und seine Kleidung war von ausländischem Schnitt. In seinem Gesicht war etwas, das Meredith’ Blut zu Eis erstarren ließ. Seine Augen, grau wie die von Alwyn, waren hart wie Stein, ohne jedes Mitgefühl, ohne Schwäche, ohne Verständnis für das, was andere Menschen brauchten; nur skrupellose Berechnung lag darin. Neben ihm wirkten die anderen wie Bauerntölpel. Er sah aus – und war es wahrscheinlich auch –, als sei er zu jedem Verbrechen fähig.
»Warum hast du Jess heruntergebracht?« fragte Mrs. Winthrop. Ihr breites Gesicht rötete sich.
»Wir waren uns einig, daß wir sie raushalten. Sie wird wieder komisch werden, wie schon einmal.«
»Sie weiß, was auf dem Heuboden ist«, sagte Alwyn.
»Die da hat es ihr gesagt.« Er versetzte Meredith einen leichten Stoß, und sie taumelte.
»Warum haben Sie sich eingemischt? Was haben Sie hier zu suchen?« stieß seine Mutter hervor, und zu Haß und Zorn in ihrem Gesicht kam jetzt auch noch Verzweiflung.
Der Fremde sah Meredith mit einem langen, kalten Blick an, schätzte ab, inwieweit sie ein Problem darstellte. Sie tat ihr Bestes, um seinem Blick gleichgültig zu begegnen, hatte jedoch den starken Verdacht, daß es ihr nicht besonders gut gelang. Er verzog zynisch den Mund, zuckte dann mit den Schultern.
»Um sie können wir uns kümmern.«
Meredith’ Knie schienen plötzlich zu Gelee geworden, und sie konnte sich gerade noch aufrechthalten. Sie glaubte ohne jeden Zweifel zu wissen, was er meinte, wenn er sagte, sie würden sich um sie kümmern. Wo werden sie mich begraben? fragte sie sich. Auf der Farm? Auf der Baustelle? Oder mit einem Gewicht an den Füßen in den Fluß werfen? Sie überlegte, ob sie Zeit gewinnen könnte, indem sie ihnen sagte, Alan Markby wisse, daß sie hier sei, und wenn sie nicht zurückkomme, werde er nach Greyladies kommen und Fragen stellen.
Aber erstens stimmte das nicht; Alan glaubte sie in Witchett, und selbst wenn er sie schließlich hier aufspürte, würde es noch Stunden dauern, ehe er kam, und die Winthrops brauchten nur zu sagen, sie sei schon lange wieder weg. Alwyn konnte ihren Wagen irgendwohin fahren und auf einer Landstraße stehenlassen. Ihr Verschwinden wäre dann nur ein weiteres ungelöstes Rätsel.
Sie konnte es dennoch sagen und hoffen, daß es sich überzeugend anhörte, aber dieser Mensch mit den kalten Augen würde ihren rührenden Täuschungsversuch sofort durchschauen. Vielleicht erzielte sie damit sogar die gegenteilige Wirkung. Die Aussicht, daß die Polizei bald hier auftauchen könnte, würde sie möglicherweise dazu verleiten, die Tat noch schneller auszuführen. Sie hoffte nur, sie würden es schmerzlos tun; mit einem einzigen Schlag in den Nacken, wie sie sich Jerry Herseys entledigt hatten.
»Und ich?« fragte Jessica, Meredith’ düstere Gedanken unterbrechend.
»Wollt ihr euch auch um mich ›kümmern‹?« Sie hob die Stimme und reckte das Kinn, starrte trotzig in das steinerne Gesicht.
»Du gehörst zur Familie«, sagte er.
»Du wirst schweigen.«
»Nein.« Sie schüttelte das lange blonde Haar.
»Nein, das werde ich nicht, diesmal nicht.« Im Vergleich zu der seinen klang ihre Stimme jung und unschuldig, hatte jetzt aber auch einen stählernen Unterton. Auch sie war eine Winthrop. Wie dieser Mann, dachte Meredith, die inzwischen begriffen hatte, wer er sein mußte; und auch ihm war klar, daß sie es wußte. Ein weiterer Nagel zu ihrem Sarg. Wie konnte er ihnen das nur antun? dachte sie unwillkürlich. Wie konnte er sie nur in diese schmutzige Sache hineinziehen? Weil er unfähig ist zu lieben, gab sie sich sofort selbst die Antwort. Er sieht nur, daß sie ihm eine Zeitlang nützlich sind … Ob ihnen das klar war? Konnten sie ihn als das sehen, was er war? Und wußten sie, was sie getan hatten? Jessica wußte es offensichtlich, und deshalb hatten sie sie von ihm fernhalten wollen. Durch ihre Augen waren sie gezwungen, ihn und sich selbst klar zu sehen. Seine Aufmerksamkeit galt für kurze Zeit nicht mehr Meredith, sondern Jessica. Er beugte sich vor, legte die gebräunten Hände auf das rotkarierte Tischtuch. Diese Hände, dachte Meredith, haben seit Jahren keine schwere körperliche Arbeit mehr geleistet. Sie waren weich und manikürt, aber moralisch starrten sie vor Dreck, und es war ihm egal, wenn er sie noch mehr beschmutzte.
»Hör mir jetzt gut zu, Mädchen«, sagte er ruhig, aber außer seiner Stimme war im Raum nicht einmal der Hauch eines Geräuschs zu hören.
»Da sie es dir gesagt hat, weißt du jetzt, was dort draußen ist.« Er nickte zu Meredith hinüber, wandte den Blick aber nicht von Jessica ab.
»Niemand, weder die Polizei oder sonst jemand und nicht einmal dein Freund, von dem Alwyn mir erzählt hat, wird glauben, daß du nicht von Anfang an eingeweiht warst, nicht mitgemacht hast. Du kämst in den Knast wie wir alle.«
»Dann gehe ich eben in den Knast«, sagte Jessica gelassen.
»Ich hätte schon vor langer Zeit zur Polizei gehen sollen. Ich hab gewußt, daß etwas nicht stimmt und daß ihr etwas verbergt. Aber du hast recht, es ist eine Familienangelegenheit, und ich habe nicht aus falscher Loyalität gegen die Familie geschwiegen. Ich wußte nur nicht, daß es sich um Drogen handelt. Hätte ich das gewußt, hätte ich es der Polizei sofort gemeldet. Doch nicht einmal von dir konnte ich mir vorstellen, daß du so tief gesunken bist. Wie die Dinge liegen, habe ich auch niemandem von dem Mann erzählt, der Freitag nacht hier war.« Alwyn fluchte unterdrückt, und der alte Winthrop blickte auf und flüsterte:
»Was weißt du denn davon, Mädchen?«
»Ich schlafe nicht gut. Das hast du vergessen. Ich habe aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie du, Dad, mit Alwyn seinen Leichnam zum Landrover getragen hast und ihr weggefahren seid, so gegen vier Uhr morgens. Ihr habt ihn getötet, nicht wahr?«
»Nein, das haben sie nicht«, fiel ihr die Mutter schroff ins Wort.
»Du siehst, du weißt überhaupt nichts, Jess. Ich habe ihm den Schädel eingeschlagen. Er hat im Hof herumgeschnüffelt. Ich habe ihn gesehen. Der Hund hat mich geweckt, hat gewinselt und an der Kette gezerrt. Zuerst hab ich gedacht, daß er es ist …« Sie wies mit dem Kopf auf den Fremden, der sich aufrichtete, die Hände vom Tisch nahm und die Arme vor der Brust kreuzte.
»Ich bin hinuntergegangen, hab die Tür aufgemacht und gerufen, aber er hat mich nicht gehört und ist in den Stall gegangen. Also hab ich mir gedacht, der kann nichts Gutes vorhaben, hab den alten Schürhaken vom Herd genommen und bin dem Kerl nach. Er war auf dem Heuboden, hat über die Säcke gebeugt dagestanden. Als er mich hörte, wollte er sich umdrehen, aber ich hab ihm auf den Kopf geschlagen, so hart ich konnte, und dann noch einmal. Dann hab ich die Männer geholt, damit sie die Leiche wegbrachten.«
»Er war nicht tot«, sagte Meredith mit zittriger Stimme.
»Wußten Sie, daß er nicht tot war?« Elsie Winthrop warf ihr einen verächtlichen Blick zu.
»Was hat es mich interessiert, ob er tot war oder nicht? Für mich hat er tot genug ausgesehn. Schließlich mußten wir ihn loswerden. Konnten ihn doch nicht hier rumliegen lassen.« Ihr kurzer, dicker Zeigefinger stieß nach Meredith.
»Und jetzt hören Sie mir mal zu, Miss Hochnäsig. Was immer ich getan haben mag, was wir alle hier getan haben mögen, wir haben es getan, um die Farm zu retten. Vergessen Sie das nicht. Was immer wir getan haben, mußte sein. Haben wir alles nur für die Farm getan.« Alwyn sagte mit erstickter Stimme:
»Die Farm retten, diese verdammte Farm? Sie hat mein Leben aufgefressen. Glaubt ihr, ich will, daß sie gerettet wird? Glaubt ihr, ich will den Rest meiner Tage hier versauern?«
»Also, Junge«, begann der alte Winthrop heiser grollend,
»du redest Unsinn, ’türlich bleibst du hier. Das ist unsere Farm!«
»Ich will sie nicht!« brüllte Alwyn.
»Könnt ihr das nicht in eure verdammten Dickschädel kriegen? Ich will diese verfluchte Farm nicht!« Seine Stimme hallte durch die Küche und ließ das Kupfergeschirr an der Wand rattern. Leiser fuhr er fort:
»Wegen der verfluchten Farm habe ich diesen Mann lebendig begraben, wie es jetzt heißt. Wegen der Farm habe ich Jerry umgebracht. Er hat gewußt, Jerry hat gewußt, daß wir hier was aushecken. Jerry war kein Narr.« Alwyn wandte sich an Meredith. Sie sah, daß Kampfgeist und Aggression ihn verlassen hatten.
»An dem Abend im Pub«, sagte er mit müder, beinahe um Entschuldigung bittender Stimme,
»war Jerry beleidigt, weil ich bei Ihnen und Alan und dem Architekten gesessen und was getrunken hab. Dann kam Jess mit dem jungen Kerl rein. Ich wußte, wenn ich freundlich zu ihm bin, kommt er alle naselang auf die Farm raus, und es würde nicht lange dauern, bis er merkte, daß was nicht stimmt. Hab ja gemerkt, daß er intelligent ist, der Junge. Ich wußte nicht, was ich tun soll. Sie wissen ja, was los war, haben es miterlebt. Jess verschwand mit dem Jungen, und ich wollte nicht sitzenbleiben und schwatzen, als ob nichts wäre. Aber alles ist schiefgegangen. Nachdem ich das Pub verlassen hatte, war ich noch immer sehr aufgeregt wegen Jess und marschierte über die Felder, um mich zu beruhigen. Auf dem Rückweg, vielleicht anderthalb Stunden später, hab ich Jerry getroffen, der auf dem Heimweg war. Er fing an, von der Polizei zu quatschen und daß er mit ihr geredet hätte, alles ganz freundschaftlich. Er sagte, Alan wäre nicht so freundlich, wenn er wüßte, was wir auf Greyladies machen. Er hat nicht gewußt, was es ist, doch er wußte, daß wir was zu verbergen haben. ›Wenn ich erzählen würde, was ich weiß‹, hat er gesagt. Ich geriet in Panik. Wußte nur, ich muß ihn zum Schweigen bringen, und das hab ich getan. Nie vorher hatte ich Streit mit ihm. Jerry war ein guter Mann und Betty ein guter Bruder. Jetzt ist er tot, und die arme Frau ist allein, und alles wegen dieser verfluchten Farm!« Alwyn sank auf seinem Stuhl zusammen, stützte die Ellenbogen auf das karierte Tischtuch, legte den Kopf in die Hände und begann leise zu schluchzen; seine breiten Schultern zuckten. Jessica ging zu ihm, legte ihm die Hand auf die roten Lokken und sah über den Tisch hinweg den Fremden an.
»Du solltest verschwinden, meinst du nicht auch? Du hast hier nichts mehr zu suchen, und du wirst dieser Familie nie wieder weh tun. Gott weiß, du hast genug getan. Komm nie wieder her. Du gehörst nicht zu uns. Wir geben dir eine Stunde, dann rufen wir die Polizei.«
»Halt den Mund!« brüllte er. Er stürzte vorwärts und packte Alwyn bei den Schultern.
»Reiß dich zusammen, Mann! Wir können da rauskommen. Wir brauchen sie nur zum Schweigen zu bringen. Jess wird nicht reden, ganz gleich, was sie jetzt sagt. Sie würde die Eltern nicht ins Gefängnis gehen lassen.«
»Will die Farm nicht –«, sagte der alte Winthrop erstaunt, als habe er die Worte zum erstenmal gehört und verstehe sie erst jetzt. Nichts, was sonst geschah, hatte irgendeine Bedeutung für ihn. Die Auseinandersetzung hatte er überhaupt nicht beachtet. Doch jetzt war etwas in seinem tiefsten Innern angerührt worden.
»Du willst Greyladies nicht? Es gehört uns, ist unsere Farm. Die Winthrops haben immer hier gelebt.«
»Sind immer hier gestorben«, entgegnete Alwyn mit erstickter Stimme.
»Und ich werde auch hier sterben, wenn ich nicht wegkomme. Ich will hier nicht sterben, will dieser verfluchten Farm nicht mein Leben opfern.« Der alte Winthrop starrte ihn an, Bestürzung im wettergegerbten roten Gesicht, die allmählich der Resignation wich.
»Nun, dann hat es keinen Sinn, daß wir weitermachen.« Er wandte das Gesicht dem Fremden zu.
»Es ist aus, Junge. Alles aus, wie du hörst. Am besten, wir bringen alles in Ordnung, dann können wir in Frieden gehen.«
»Ihr seid Idioten, alle!« sagte der Fremde wütend.
»Ihr könnt ja hierbleiben und euch der Polizei stellen, wenn ihr wollt. Ich verschwinde.« Alwyn hob den Kopf und brüllte:
»Ja, renn du nur weg! Hast es ja immer so gemacht. Bist immer von hier weggerannt und wiedergekommen, wenn es dir in den Kram gepaßt hat.« Der Fremde machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er drehte sich um und ging hinaus in den dunkler werdenden Hof, hinaus in den Sturm, und knallte die Tür hinter sich zu. Die in der Küche hörten ein schmerzliches Aufjaulen. Der Hund, der geduldig im Regen gewartet hatte, mußte auf den Mann zugelaufen sein und war mit einem Fußtritt zur Seite geschleudert worden. Jess beugte sich über Alwyn, der wieder leise zu weinen angefangen hatte, zwischen seinen schwieligen Fingern sikkerten die Tränen hervor. Vielleicht aus alter Gewohnheit oder weil sie nicht wußte, was sie sonst tun sollte, stand Mrs. Winthrop auf und füllte den Teekessel mit Wasser. Dem alten Mann schien nicht bewußt zu sein, daß sie noch da waren. Er saß da, starrte die gegenüberliegende Wand an und schüttelte den großen, runden Kopf.
»Will die Farm nicht«, murmelte er von Zeit zu Zeit vor sich hin. Draußen heulte der Motor des BMW auf, der in die Nacht hinausraste, und Meredith dachte verzweifelt: Er wird entkommen. KAPITEL 23 Während Sturm und Gewitter vor den Fenstern des Polizeireviers tobten, fragte Markby sich unbehaglich, ob Meredith tatsächlich zur Witchett Farm hinausgefahren war. Ein Jammer, daß er sie darum gebeten hatte, denn es war wirklich kein Tag, um unterwegs zu sein. Aber wenn sie die Farm wohlbehalten erreichte, war sie in Sicherheit. Er war froh, daß sie angerufen hatte, sehr froh. Und heute abend sah er sie ohnehin. Bis dahin war sie draußen auf Witchett gut aufgehoben. Dolly würde das Feuer schüren, den Kessel aufsetzen, Obstkuchen und frisches Teegebäck auf den Tisch bringen. Er stellte sich vor, wie Meredith und Dolly Carmody sich am Kamin gegenübersaßen und die Zehen wärmten, und er beneidete sie. Beneidete sie sehr, um ehrlich zu sein.
»In der Kantine hatten sie nur diese Kekse in Folie und ein paar Käsebrötchen«, meldete Pearce, der ausgeschickt worden war, um zu erkunden, was es zu essen gab.
»Ach ja, Kartoffelchips hatten sie auch noch, aber ich habe mich erinnert, daß Sie keine Chips mögen. Die Käsebrötchen wären wohl auch nichts für Sie gewesen, haben ziemlich trocken ausgeschaut, deshalb hab ich Ihnen ein paar Kekse mitgebracht.«
»Danke«, sagte Markby düster.
»Ich würde ja schnell in einen Laden laufen, aber es gießt wie aus Kannen.«
»Ja, na schön. Sieht so aus, als gäbe es nasse Ostern.«
»Daß ich Montag frei bekomme, ist wohl nicht möglich?« fragte Pearce zaghaft und ohne große Hoffnung, Markby holte tief Atem, dachte dann aber: Was zum Teufel. Pearce war keiner, der sich vor schwierigen Jobs oder Überstunden drückte, und er verdiente eine Pause, ebenso wie seine schwergeprüfte Familie. Sie hatten jetzt zuviel zu tun, aber das würde nächste Woche genauso sein, und übernächste …
»Ich wüßte nicht, warum nicht«, sagte er und fügte mit großem Nachdruck hinzu:
»Ich habe ja DCI Laxton zur Unterstützung.« Über sein Glück erstaunt, sagte Pearce:
»Vielen Dank, Sir.« Dann betrachteten beide den leeren Schreibtisch, und der Sergeant fügte hinzu:
»Es scheint ihm im Crossed Keys zu gefallen.«
»Möchte uns nicht über den Weg laufen, und wer kann ihm das übelnehmen? Wahrscheinlich hat er sich wegen des Regens nicht herausgewagt.« Es klopfte, und Wpc Jones steckte den Kopf durch den Türspalt.
»Sind Sie frei, Sir?«
»Nein, ich habe Teepause«, sagte Markby undeutlich.
»Es ist nur – weil da ist ein junger Mann, der zu Ihnen will. Armer Kerl, sieht aus wie eine ertrunkene Ratte, er mußte bei dem Regen vom Parkplatz rüberlaufen. Verzweifelt ist er auch ein bißchen.«
»Oh, und warum das? Was hat er angestellt?«
»Ist abgehauen, als man ihm sagte, er soll in der Gegend bleiben. Es ist Daley, der Baggerführer von der Baustelle.«
»Was?« riefen Markby und Pearce unisono.
»Soll ich ihn raufbringen, oder kommen Sie hinunter?« fragte Jones.
»Bringen Sie ihn herauf!« befahl Markby. Und nach einer Pause:
»Holen Sie noch eine Tasse Tee, Pearce. Ich habe das komische Gefühl, daß der junge Daley uns eine Menge zu erzählen hat.«
Daley saß am äußersten Rand des Sessels und hatte nervös die Hände gefaltet. Regen lief ihm übers Gesicht, und seine Jacke hatte feuchte dunkle Flecke. Er sah durchnäßt und unglücklich aus, tatsächlich wie eine ertrunkene Ratte, wie Jones gesagt hatte, jedoch eine höchst unglückliche.
»Ich weiß, Sie haben gesagt, ich soll nicht weggehn, Sir, aber es hat mich ganz fertiggemacht. Tut mir leid, daß ich einfach abgehauen bin, aber ich konnte nicht anders. Ich mußte immer dran denken, an den Toten und wie er da plötzlich in meiner Baggerschaufel gehangen hat. Und dann die Fragen, es war einfach zuviel. Also bin ich zu meiner Tante Bridie nach Reading.«
»Und wieso sind Sie zurückgekommen?« fragte Markby.
»Sie hat mich geschickt. Sie und Pfarrer Brady, beide zusammen. Sie haben gesagt, ich muß zurückgehn und sagen, was ich weiß. Nur, ich hab solche Angst davor gehabt. Ich will keine Schwierigkeiten. Ein Mörder schätzt es nun mal nicht besonders, wenn man ihn bei der Polizei verpfeift. Ich meine, vielleicht ist er ja kein Mörder, aber es ist eine Morduntersuchung, und wenn ich sage, ich hab ihn gesehn, werden Sie rausfahren und eine Menge Fragen stellen, nicht wahr, und das wird ihm nicht gefallen.«
»Daley«, sagte Markby geduldig,
»Sie reden ziemlich wirres Zeug. Warum fangen Sie nicht mit dem Anfang an und erzählen mir einfach, was Sie gesehen haben. War es das Opfer, vor seinem Tod?« Das war eine ziemlich weit hergeholte Vermutung, aber Daley sprang darauf an.
»Ja, genau, Sir. Also, Lügen habe ich Ihnen keine erzählt. Als ich – als der Bagger ihn ausgegraben hat, hab ich den armen Teufel nicht erkannt. Er war voller Schlamm und tot wie ein Hering – hat anders ausgesehn. Ich hab Ihnen gesagt, ich kenn ihn nicht, und das hab ich ehrlich geglaubt. Dann sind Sie mit der Fotografie gekommen. Die hat noch immer nicht so ausgeschaut wie jemand, den ich kenne, andererseits ist mir der Mann irgendwie bekannt vorgekommen.«
»Warten Sie«, sagte Markby. Er suchte in der Akte auf dem Schreibtisch und reichte Daley das Foto des lebenden Rochet, das McVeigh ihm gegeben hatte.
»Hilft Ihnen das?«
»Ja.« Daley blickte überrascht auf.
»Jetz’, wo Sie mir dieses Bild von ihm zeigen, hätt ich wohl sofort gesagt, ja, den kenn ich. Er schaut hier anders aus.«
»Auf diesem Foto lebt er noch, und wir haben es erst vor ein paar Tagen bekommen. Wo haben Sie ihn gesehen und wann?« Doch Daley ließ sich nicht drängen und konnte seine Geschichte nur auf seine Weise erzählen.
»Ich hab angefangen nachzudenken. Hat mir Angst gemacht, dieses andere Foto, das Sie mir gezeigt haben, das tote. Hab dauernd gedacht, den hast du doch gesehn – oder einen wie ihn. Dann konnte ich eines Nachts nicht schlafen. Hab davon geträumt, müssen Sie wissen. War schon so weit, daß ich mich nicht getraut hab, die Augen zuzumachen, das schwör ich. Hab ihn dauernd vor mir gesehen, aus der Erde auftauchen, splitterfasernackt, als war das Jüngste Gericht gekommen und alle Toten wären aus ihren Gräbern aufgestanden.«
»Aber Sie haben sich erinnert?« warf Markby schnell ein, damit Daley nicht hysterisch wurde wie beim letzten Mal.
»Das hab ich. Hab’s Ihnen ja gesagt. Bin aufgewacht, und dann, mitten in der Nacht, hab ich gedacht: Ich kenn dich. Ich erinnere mich an dich. Es war am vergangenen Donnerstag. Genau da war’s, ich bin ganz sicher.« Markby versuchte seine Erregung und seine wachsende Gereiztheit zu verbergen. Wenn Daley nur endlich zur Sache käme! Aber Donnerstag war der Tag, an dem Dolly den Eindringling ertappt hatte. Wenn Daley Rochet am selben Tag gesehen hatte, dann konnte man fast davon ausgehen, daß der Eindringling Rochet gewesen war.
»Es war am Abend, oben im Pub. Fox and Hounds heißt es. Es ist auf …«
»Ich kenne es«, unterbrach ihn Markby.
»Normalerweise gehe ich da nicht hin. Aber an diesem Donnerstag war ich mit Joe Riordan dort. In dem Lokal gibt es mehrere Bars, und die erste, in der wir gesessen haben, ist langsam so voll geworden, daß Joe und ich in das kleine Hinterzimmer gegangen sind. Dort ist nur Platz für zwei, drei Tische und so was wie ’ne lange Bank. Wir haben einen Tisch gekriegt, und der da …« – Daley tippte auf das Foto von Rochet –
»er hat am Nebentisch gesessen. Direkt neben mir, also irre ich mich bestimmt nicht. Er hat ganz komisch geredet, so’n bißchen durch die Nase, deshalb erinner ich mich an ihn.«
»Sie meinen, er hatte einen französischen Akzent?«
»Vielleicht war’s das«, sagte Daley zweifelnd.
»Er hat gesprochen«, sagte Markby.
»Mit wem gesprochen, Sean? Haben Sie den anderen gesehen?«
»Und ob ich den gesehn hab. Hab ihn auch gekannt. War ein großer rothaariger Kerl, der hier in der Gegend auf ’ner Farm arbeitet. Treibt sich dauernd auf der Baustelle rum und ist mit Jerry befreundet, Jerry Hersey …«
»Lassen Sie seine Aussage tippen und von ihm unterschreiben. Und er darf uns auf keinen Fall wieder entwischen«, sagte Markby zu Pearce.
»Besorgen Sie ihm ein Hotelzimmer, und machen Sie ihm klar, daß er unter allen Umständen in Bamford zu bleiben hat. Sie werden ihm sagen müssen, daß Hersey tot ist, und er wird zu Tode erschrecken, aber es ist besser, er erfährt es von uns als durch irgendeinen Klatsch. Machen Sie ihm begreiflich, daß wir ihn schützen und er nichts zu befürchten hat.«
»Was werden Sie tun?« fragte Pearce, als Markby zum Telefon griff.
»Ich fahre nach Greyladies hinaus. Begreifen Sie nicht? Rochet war auf der falschen Farm. Er hat seinen Mann aufgespürt, kannte sich aber hier nicht aus und hat die Farmen verwechselt. Er war schließlich Ausländer und hatte einen leichten Akzent, auch wenn er gut Englisch sprach. Er wollte mit seinem französischen Akzent nicht allzuviele Fragen stellen, um nicht aufzufallen. Er vermutete, daß Alwyn von Witchett kam, und dort hat er sich Donnerstagnacht zuerst umgesehen. Dabei hat Dolly ihn gestört. Doch es war die falsche Farm, und er muß es sofort gemerkt haben. In der nächsten Nacht, am Freitag, hat er’s auf der richtigen Farm versucht: auf Greyladies … Wie ist die Nummer vom Crossed Keys? Ich hoffe, Laxton ist da. Wenn nicht, mache ich ohne ihn weiter.«
»Dann sollte ich vielleicht mitkommen«, begann Pearce.
»Nein, Sie passen auf Daley auf. Er ist für uns Gold wert. Wir dürfen ihn nicht wieder verlieren. – Hallo? Crossed Keys? Ich möchte Mr. Laxton sprechen. Ja, Laxton, holen Sie ihn bitte an den Apparat. Es ist dringend!« Markby legte die Hand über die Sprechmuschel.
»Und weil Rochet beim erstenmal die falsche Farm erwischt hat, ist Laxton gestern das gleiche passiert. Er hat Witchett durchsucht und hätte Greyladies durchsuchen müssen. – Hallo, Laxton, sind Sie das? Ich hole Sie ab. Sofort. Ja, ein Hinweis. Sie waren gestern auf der verdammt falschen Farm, Laxton. Aber jetzt fahren wir zur richtigen.«
Ein wenig später stand Markby in der Mitte von Laxtons Zimmer im Crossed Keys, das Gesicht vom Streit erhitzt und von der Erkenntnis, daß er nichts erreichen würde. Laxton rührte ohne Haussuchungsbefehl keinen Finger.
»Ich habe mich schon genug in die Nesseln gesetzt, weil ich die andere Farm durchsucht habe. Kann nicht von Farm zu Farm gehen wie bei einer verdammten Schnitzeljagd. Bringen Sie mir einen einzigen Beweis, damit ich einen Durchsuchungsbefehl bekommen kann.«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sean Daley Rochet mit
Alwyn Winthrop gesehen hat.«
»Das reicht nicht«, sagte Laxton starrsinnig.
»Vielleicht ha ben sie sich nur ein bißchen miteinander unterhalten, wie eben Fremde in einem Pub.«
»Warum hat Alwyn dann geleugnet, Rochet je gesehen zu haben? Ich habe ihm ein Foto gezeigt, von einer Leiche, zugegeben, aber zu erkennen und nur ein paar Tage nachdem er den ganzen Abend neben dem Mann im Pub gesessen und mit ihm gesprochen hat. Trotzdem hat er sich das Foto gründlich angesehen und behauptet, den Mann nie gesehen zu haben. Die Winthrops haben sich merkwürdig benommen, von Anfang an. Sie wollen keine Besucher auf ihrer Farm haben, wollen nicht, daß die Tochter einen Freund hat, obwohl das ein absolut respektabler junger Mann ist. Sie verbergen etwas. Und ich könnte wetten, daß Jerry Hersey etwas ahnte und Alwyn ihn deshalb umgebracht hat. Seine Schwester ist Elsie Winthrops Nachbarin und Freundin. Sie ist eine der wenigen Besucherinnen auf der Farm. Zwar ist sie keine besonders scharfsinnige Person, aber vielleicht hat sie etwas zu Jerry gesagt, was er verstanden hat und sie nicht.« Einen Moment lang verriet Laxtons schmales Gesicht Unsicherheit, und Markby beeilte sich, seine Argumente noch nachdrücklicher zu verfechten.
»Hören Sie, von Anfang an hat mich die Wahl der Begräbnisstätte stutzig gemacht. Derjenige, der Rochet dort begraben hatte, mußte über den Arbeitsablauf auf der Baustelle Bescheid wissen. Er mußte wissen, wie die Gräben für die Fundamente ausgebaggert und wann sie mit Beton aufgefüllt werden sollten. Und vor allem mußte er wissen, welcher Graben ausgehoben war und über das Wochenende offenbleiben würde. Es mußte jemand sein, der sich genau dort auskannte, und wenn es keiner war, der dort arbeitete, dann einer, der sich oft auf der Baustelle aufhielt. Alwyn hat ständig dort herumgehangen, fragen Sie doch den Architekten, Wetherall. Steve hat mir erzählt, Alwyn sei von den Bauarbeiten so fasziniert gewesen wie ein Kind von Lokomotiven. Aber«, fuhr Markby hartnäckig fort,
»wenn Sie nicht nach Greyladies mitfahren wollen, dann fahre ich eben allein. Noch ist das mein Acker, und ich bin für die Verbrecher verantwortlich, die sich hier herumtreiben – ich hole sie mir, mit Ihnen oder ohne Sie, mir ist es gleich.« Laxton gab nach, beharrte jedoch starrköpfig auf einem letzten Vorbehalt.
»Schon gut, schon gut, fahren wir eben hin, Sie und ich. Wir können ja sagen, wir hätten allen Grund zu glauben und so weiter … Und was dann? Einer von uns bewacht die Leute mit einer Mistgabel, während der andere allein die ganze Farm durchsucht?« Markby knurrte verärgert. Aber der Punkt war gut.
»Hören Sie«, er versuchte mit ruhiger Stimme zu sprechen,
»haben Sie noch nie gehandelt, ohne sichtbare Beweise gehabt zu haben? Kennen Sie nicht dieses Kribbeln im Bauch? Glauben Sie mir, ich kenne diese Leute. Bin mit Alwyn in die Schule gegangen. Ich schleppe Sie doch nicht nach Greyladies und lasse Sie einem Phantom nachjagen. Ich muß weiter hier leben, wenn Sie schon längst wieder nach London abgehauen sind. Ich weiß, ich habe recht. Beantragen Sie einen Durchsuchungsbefehl, und stellen Sie Ihr Team zusammen. Aber beeilen Sie sich, um Himmels willen!« Laxton kräuselte die schmalen Lippen.
»In Ordnung. Wir beantragen einen Durchsuchungsbefehl für Gefahr im Verzug und eine Begleitmannschaft – wir brauchen den Hund.« Natürlich beanspruchte all das Zeit, die – das spürte Markby in den Knochen – sie sich nicht leisten konnten. Es befriedigte ihn wenig zu sehen, daß sogar Laxton jetzt drängte und offenbar das gleiche Unbehagen fühlte wie er. Dann war ihre Gruppe endlich unterwegs zur Farm. Markby führte den kleinen Konvoi an, und Laxton saß bei ihm im Wagen. Hinter ihnen fuhr ein Streifenwagen mir drei Männern und dahinter ein Van mit dem Hundeführer und dem ausgebildeten Tier. Das Wetter war noch immer schlecht, der Regen klatschte gegen die Windschutzscheiben, so daß die Scheibenwischer hilflos gegen eine übermächtige Flut ankämpften. Das Wasser schäumte an den Seiten des Wagens zu großen Wellen auf. Es wurde dunkler, Sturm und Gewitter hingen noch am Himmel, und allmählich wurde es Abend. Greyladies unter diesen Bedingungen zu durchsuchen wird die reinste Hölle sein, dachte Markby mutlos. Laxton dachte offensichtlich das gleiche, starrte aus dem Fenster und sagte leise vor sich hin:
»Wahrscheinlich haben sie den Stoff irgendwo im Trockenen, das hoffe ich wenigstens. Ich weiß nicht, wie gut der Hund bei schlechtem Wetter arbeitet. Wie weit noch?«
»Wir sind praktisch schon da«, knurrte Markby und bog mit Schwung in den schmalen Weg ein, der zur Farm hinunterführte.
»He, passen Sie auf!« schrie Laxton. Ihnen entgegen kamen mit rasender Geschwindigkeit zwei Scheinwerfer, die sich durch Dunkelheit und Regen bohrten. Markby trat auf die Bremse, und der Wagen rutschte auf die Hecke zu, bevor er eine Haaresbreite vor dem anderen Fahrzeug hielt. Aneinander vorbei konnte man nicht, einer würde zurücksetzen müssen.
»Warum fährt dieser Idiot nicht zurück?« fauchte Markby.
»Er sieht doch, daß hinter uns noch andere sind.« Der Streifenwagen und der Van hatten beide an der Einmündung in den Feldweg angehalten. Die Scheibenwischer wischten für einen Augenblick den Schleier aus Wasser weg, und Markby fügte mit einem Aufschrei hinzu:
»Das ist der Mistkerl, der mir eins über den Schädel gezogen hat! Es ist der BMW. Zwei gleiche zur selben Zeit gibt es hier bestimmt nicht.«
»Er wird kaum darauf warten, mit Ihnen darüber zu diskutieren«, entgegnete Laxton.
»Kommen Sie, er haut ab.« Er riß die Tür auf und stieg aus. Markby brauchte nicht zweimal gebeten zu werden. Er hatte mit dem Besitzer des BMW ein privates Hühnchen zu rupfen. Letzterer war, nachdem er die Polizeiautos gesichtet hatte, aus dem Wagen geklettert, stapfte durch den Graben am Straßenrand und kämpfte sich die Böschung zu der Hecke hinauf, die das an die Straße grenzende Feld säumte. Darüber peitschte der Wind die Bäume, und die Hecke sah aus wie eine dunkle schwellende Woge, die sich gegen ein Ufer werfen wollte. Der fliehende Mann löste in den beiden Polizeibeamten einen Adrenalinstoß aus. Auch wenn er nicht der Fahrer des geheimnisvollen BMW gewesen wäre, hätten sie automatisch genauso reagiert wie Alwyns Hund, als er das galoppierende Pony sah. Markby stürmte an Laxtons Seite durch den Regen und brüllte:
»Halt! Bleiben Sie stehen! Polizei!« Der Fliehende beachtete ihn nicht. Er erzwang sich seinen Weg durch die Hecke, ohne Rücksicht darauf, daß er sich Gesicht und Hände zerkratzte und sich die Kleidung zerriß, und rannte dann quer über das Feld. Sie liefen hinter ihm her, tauchten durch die Lücke, die er hinterlassen hatte. Undeutlich konnte Markby in der Mitte der Weide, über die sie stolperten, eine Reihe merkwürdiger Buckel ausmachen. Kurze Verwirrung wich dem Begreifen; er wußte, wo sie waren – auf der Koppel, und die Buckel waren die Überreste des alten Gebetshauses. Er hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Der Blitz fuhr direkt auf sie herunter, erleuchtete die ganze Szene, den flüchtenden Mann, die Ruine, die Bäume, die Hecken. Er roch den Brand, spürte die Hitze auf dem Gesicht und stieß Laxton mit einem Warnruf heftig zur Seite, dann krochen beide auf Händen und Knien weiter. Hinter sich hörten sie ein ohrenbetäubendes Krachen. Ihm folgte einer der unheimlichsten Laute, die Markby je gehört hatte, einer, der ihm lange im Gedächtnis blieb. Ein langes Stöhnen und Ächzen aus tiefstem Innern, als leide ein Riese unter den qualvollen Schmerzen einer Wunde, die ihm eben beigebracht worden war. Und tatsächlich geschah genau das. Der Blitz hatte die große Eiche getroffen, die so gefährlich in den Feldweg hineingeragt hatte. Sich auf den Knien umdrehend, auf die er gefallen war, hatte Markby gerade Zeit genug, um zu sehen, daß der mächtige Stamm in zwei Hälften gespalten worden war und der Teil, der ihnen am nächsten war, in ihre Richtung stürzte, langsam tiefer, tiefer … Es ging natürlich überhaupt nicht langsam vor sich. Das wußte er. Es geschah sehr schnell und kam ihm nur langsam vor, als er hilflos auf der Erde lag. Aber der mächtige Baum verfehlte ihn. Er verfehlte sie beide um knapp einen Meter, krachte herunter und blieb mit den obersten Ästen auf den geschwärzten Steinen der Ruine des Gebetshauses liegen. Es folgte ein zweiter Schmerzens schrei, ein menschlicher diesmal.
»Er liegt drunter«, stieß Laxton hervor. Sie rappelten sich auf und stolperten zu dem gestürzten Ungetüm. Laxton hatte eine Taschenlampe aus der Tasche geholt und ließ den Strahl über die Äste gleiten.
»Wo zum Teufel ist er?«
»Da drüben, ich sehe seinen Fuß.« Markby zeigte auf die Stelle.
»Helft mir, das Ding zu heben!« Die Polizisten aus dem Streifenwagen waren herbeigelaufen. Zu fünft kämpften sie mit den schweren Ästen, doch es war unmöglich, sie so zu verschieben, daß jemand darunterkriechen konnte.
»Wir müssen die Äste anheben und irgendwie festkeilen, den Krankenwagen und einen Hebekran anfordern«, sagte Markby keuchend.
»Vielleicht ist sein Rückgrat gebrochen.«
»Da drüben sind ein paar große Steinblöcke, Sir«, sagte ein Constable.
»Wenn wir ein paar herüberbringen und den Ast heben und darauflegen könnten …«
»Na, dann macht mal. Seht zu, ob ihr einen oder zwei von den Steinen von der Stelle bewegen, herüberrollen und sie unter den Ast schieben könnt.«
»Die rühren sich nicht!« rief der Constable.
»Sind in der Erde vergraben. Warten Sie, im Van haben wir eine Brechstange und einen Spaten.« Die Geräte wurden geholt, zwei Steinblöcke mit großer Mühe ausgegraben und zum Baum geschoben. Keuchend und fluchend schafften sie es irgendwie, sie unter dem Ast zu verkeilen, der den verletzten Mann auf dem Boden festnagelte, so daß er nicht länger direkt auf ihm lag und ihm langsam das Leben abpreßte. Während einer der Constables per Funk einen Krankenwagen und Hilfe anforderte, kroch Markby in den schmalen Spalt zwischen den Ästen und der durchweichten Erde. Nasse Blätter fuhren ihm ins Gesicht, Zweige zerkratzten ihm die Haut und zerrissen ihm die Kleidung. Bevor er hineingekrochen war, hatte er den Regenmantel ausgezogen und zerrte ihn mit, während er sich in den engen Raum hineinschlängelte. Der Verletzte stöhnte, als er ihn erreichte. Er lebte also. Es gelang Markby, ihn notdürftig mit dem Regenmantel zuzudecken. Laxton war auf die andere Seite des Baumes gegangen, kletterte vorsichtig durch die Äste und richtete jetzt den Strahl seiner Taschenlampe durch eine Lücke im Geäst auf das Gesicht des Verletzten.
»Kennen Sie ihn?« rief er durch das Heulen das Windes und das Rascheln des Laubs.
»Ja.« Der gelbe Strahl flackerte merkwürdig über das Gesicht des Mannes, das von Zweigen umgeben und von Ästen gefangen war. Der grünbekränzte Moorgeist, dachte Markby unwillkürlich, und ein atavistischer Schauer durchrieselte ihn. Gleichzeitig erinnerte er sich an einen Namen.
»Ich habe ihn seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen, aber ich kenne ihn. Es ist Jamie Winthrop.« Der Verletzte hörte seinen Namen, schlug die Augen auf und stöhnte. Er richtete den Blick auf Markbys Gesicht, das sich über ihn neigte, und flüsterte:
»Alan …«
»Richtig, Jamie«, antwortete Markby, und das Herz wurde ihm plötzlich schwer.
»Du wirst mich nicht – einsperren …« Die Stimme war im alles übertönenden Geheul des Sturms sehr schwach, aber klar.
»Wir haben gespielt – Räuber und Gendarm – auf diesen Feldern …«
»Das weiß ich noch, Jamie«, sagte Markby bekümmert.
»Aber ich bin erwachsen und ein richtiger Polizist, und du bist richtig verhaftet, Alter.«
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie zur Farm kamen. Ein Kran hatte den Baum gehoben und den Sanitätern ermöglicht, den verletzten James Winthrop, der jetzt gnädigerweise bewußtlos war, medizinisch zu versorgen. Markby und Laxton, beide bis auf die Haut durchnäßt, achteten nicht mehr auf Nässe und Kälte und stiegen in Markbys Wagen. James’ BMW war von einem der Constables im Rückwärtsgang in den Hof zurückgefahren worden, und dann konnten sie endlich auch nach Greyladies weiterfahren. Aus der Küche fiel Licht, aber der Hof lag verlassen da.
»Was war da los?« Laxton zeigte auf die beschädigte Pferdebox und ging dann zu der zersplitterten Tür, die in der Mitte des Hofes lag. Er stieß sie mit dem Fuß an.
»Das ist kein Sturmschaden, jemand hat ein großes Loch hineingeschlagen.«
Die Constables waren aus dem Streifenwagen geklettert. Der Hundeführer hatte die hintere Tür des Vans geöffnet, und sein Tier sprang heraus. Es war das Signal für ein hereinbrechendes Chaos. Sofort und ohne jede Warnung flog etwas aus Nacht und Regen heran, etwas mit rotglühenden Augen, schimmernden, rasiermesserscharfen Zähnen und einem grauenhaften wütenden Knurren. Laxton schrie:
»Himmel!«
Der Hütehund hatte einen schlechten. Tag gehabt. Hier draußen war es naß, kalt und einsam. Es war ihm nicht gelungen, das Pony einzufangen, und er war gezwungen gewesen, sich vor Zähnen und Hufen in Sicherheit zu bringen, und zum Schluß war er von einem übelgelaunten Menschen getreten worden. Aber dies war noch immer sein Hof und dieser andere Hund ein Eindringling. Er konnte seine Ehre retten. Der Suchhund, ein liebenswürdiger Labrador, war dem anderen nicht gewachsen, doch er war auch nicht feige und bereit, sein Bestes zu tun.
Markby überließ es den anderen, die Kämpfenden zu trennen, und rannte durch den Regen zum Haus. Er riß sie Küchentür auf und blieb verblüfft und im ersten Moment sprachlos stehen.
Sie saßen alle um den Tisch herum und tranken Tee. Die gleichmütigen älteren Winthrops, Alwyn mit düsterer Miene und krank aussehend, Jessica blaß, aber entschlossen, und neben ihr – Meredith. Meredith? Er blinzelte und starrte sie an. Sie lächelte nervös.
»Hallo, Alan.«
Die anderen schlossen sich murmelnd ihrem Gruß an wie eine respondierende Kirchengemeinde am frühen Morgen. Mrs. Winthrop stand auf und holte gelassen noch einen Becher.
»Alwyn«, sagte Markby, der wußte, daß er sprach, aber ganz und gar nicht sicher war, daß die Stimme, die er hörte, die seine war,
»kannst du deinen Hund rufen. Er versucht den Polizeihund umzubringen.«
»Gut, mach ich«, sagte Alwyn und riß sich aus seiner Lethargie heraus. Er schlurfte hinaus. Sie hörten ihn pfeifen.
»Habt ihr ihn gefaßt?« fragte Jessica mit kleiner, kalter Stimme.
»Ja. Er ist verletzt und wurde ins Krankenhaus gebracht.« Markby erhaschte aus den Augenwinkeln einen Blick auf Mrs. Winthrop und unterbrach sich. Zum ersten Mal sah er Angst in ihrem Gesicht. Er sagte beschwichtigend:
»Der Notarzt hat gemeint, es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.« Mrs. Winthrop entspannte sich.
»Wahrscheinlich ein paar Rippen gebrochen«, schloß Markby und fügte erklärend hinzu:
»Die alte Eiche ist auf ihn gestürzt.«
»Wollte den Baum beschneiden«, sagte der alte Winthrop.
»Bin nur nie dazu gekommen.«
»Draußen im Hof sind noch mehr von euch, nicht wahr?« brach Mrs. Winthrop das Schweigen mit ihrer nüchternen Stimme.
»Da machen wir wohl am besten noch eine Kanne Tee. Jess, stell den Kessel auf.«
»Ja, Ma.« Das Mädchen erhob sich.
»Also wirklich«, protestierte Markby,
»wir können nicht … Wir sind gekommen, um die Farm zu durchsuchen …«
»Ist nicht nötig«, sagte Mrs. Winthrop gelassen.
»Wir wissen, warum ihr da seid.«
»Es ist auf dem Heuboden«, unterbrach Meredith sie.
»Versteckt in Säcken mit EG-Milchpulver.«
»Ach, tatsächlich?« entgegnete Markby schwach.
»Ja, ich habe dort oben eine ziemliche Unordnung angerichtet, habe die Säcke mit der Nagelfeile aufgeschlitzt. Tut mir leid.«
»Ach, wirklich?« In diesem Augenblick begann sein Verstand wieder zu arbeiten, und er brüllte:
»Und was, in aller Welt, tun Sie hier, Ihrer Meinung nach? Sie sollten doch nach Witchett hinausfahren.« KAPITEL 24
»Ich nehme an«, sagte Pfarrer Holland nachdenklich,
»Sie würden sagen, ich habe einen sozialen Beruf. Ich bemühe mich, mein Bestes zu geben. Aber es ist immer ein Schock, wenn man entdeckt, was vor der eigenen Nase passiert. Wer hätte gedacht, daß draußen auf Greyladies etwas Unrechtes vorgeht, ganz zu schweigen von etwas so Verbrecherischem wie Drogenhandel?«
»Sie haben nicht mit Drogen gehandelt«, sagte Meredith.
»Nicht die Winthrops von der Farm. Sie haben Jamie nur erlaubt, den Stoff dort zu lagern.«
»James Winthrop«, sagte Markby heftig,
»ist für mich so tief gesunken wie niemand sonst. Ein billiger, herzloser kleiner Gauner, der sich ein protziges Image zulegt, die Verteilung der Ware organisiert, sich selbst aber nie die Hände mit dem Zeug schmutzig macht. Er hat seine eigene Familie mißbraucht, ihre Schwäche und Unwissenheit ausgenutzt. Er wußte, wie sie kämpfen mußten, um sich über Wasser zu halten. Die paar Hunderter, die er ihnen jedesmal gegeben hat, wenn er seine Waren dort lagerte, waren die Rettung für sie. Mehr haben sie nicht bekommen. Die Gewinne wurden nicht geteilt. Die hat Jamie eingesteckt. Er schob ihnen nur ein Bündel Zwanziger zu, wenn er sie sah. Das könnte vor Gericht zu ihren Gunsten ausgelegt werden.«
»Dreißig Silberlinge«, sagte Pfarrer Holland.
»Nun ja, zu gegebener Zeit werde ich ein paar Predigten über dieses Thema halten. Was passiert in der Zeit bis zum Prozeßbeginn mit der Farm?«
»Die Eltern Winthrop sind unter den gegebenen Umständen gegen Kaution entlassen worden, weil sie ihre Schafe versorgen müssen und so weiter. Außerdem werden die beiden alten Leute bestimmt nicht fliehen. Wohin denn auch? Alwyn ist im Untersuchungsgefängnis, die Anklage lautet auf Mord. Ohne ihn wird es für sie schwierig, doch ich vermute, der junge Denton fährt jeden Abend und an den Wochenenden hinaus, und ein hiesiger Farmer, der sich bereits zur Ruhe gesetzt hat, hilft tagsüber. Aber auf lange Sicht – wer kann das schon sagen?«
»Armer Alwyn«, sagte Meredith seufzend.
»Ich hab ihn gemocht.«
»Ich auch. Doch bevor Sie anfangen, ihn zu bemitleiden, verschwenden Sie bitte einen Gedanken an den Mann, den er lebendig begraben hat«, warf Markby scharf ein.
»Das ist schlimm«, sagte Pfarrer Holland.
»Denken Sie, er hat gewußt, daß sein Opfer noch lebte?«
»Wer weiß?«
»Ich glaube nicht, daß er’s wußte«, verteidigte Meredith ihn tapfer.
»Er hat so geredet, als hätte er’s nicht gewußt. Schließlich hat er nur versucht, den Beweis zu verstecken, der seine Mutter des Mordes überführt hätte. Er dachte, Elsie hätte den Mann getötet.«
»Hat er das wirklich?« fragte Markby skeptisch.
»Oh, ich weiß, was er jetzt sagt. Vielleicht hat er sich sogar selbst eingeredet, daß es so war. Aber wer weiß, was er damals gedacht hat? Rochet tot oder noch am Leben? Mit der Frage hat er sich wahrscheinlich gar nicht befaßt. Um es milde auszudrücken, Alwyn war völlig durcheinander. Meiner Meinung nach hat er seit Jahren nicht mehr klar und logisch gedacht. War ein wandelnder Nervenzusammenbruch. Doch wer will andererseits behaupten, daß er in diesem Moment geistig nicht völlig klar gewesen wäre. Ich denke, er wußte ganz genau, was er tat. Ganz bestimmt hat er nicht versucht festzustellen, ob Rochet noch am Leben war oder nicht, zumindest sagt er, er habe es nicht getan. Aber stimmt das? Angenommen, er hat es getan, angenommen, er erkannte, daß Rochet, zwar schwer verletzt und wahrscheinlich im Sterben liegend, im Krankenhaus lange genug hätte überleben können, um über die Geschäfte auszusagen, die auf der Greyladies Farm getätigt wurden? Man könnte sagen, Alwyn hatte einen sehr guten Grund, Rochet zu beseitigen. Jemanden unter ein Meter zwanzig tiefen Beton zu begraben, wäre die perfekte Lösung. Aber das ist eine rein persönliche Überlegung. Ich weiß es nicht, und Sie auch nicht. Das werden ein Richter und die Geschworenen entscheiden. Aber wenn Sie schon jemanden bemitleiden wollen, warum nicht den unglücklichen Rochet? Oder zählen Kriminalbeamte nicht? Rochet hatte wahrscheinlich Eltern, Brüder oder Schwestern, vielleicht eine Freundin … Wie wäre es mit einem oder zwei Seufzern für ihn?«
»Wir haben gestern in der Kirche für seine Seele gebetet«, sagte Pfarrer Holland.
»Und für die Seele von Jerry Hersey. In allen Gottesdiensten. Hat einen Schatten auf Ostern geworfen. Der Gottesdienst am Ostersonntag ist gewöhnlich ein freudiges Ereignis, das die Auferstehung zum Thema hat, nicht den Tod. Übrigens, ich beerdige Hersey nächsten Donnerstag.« Er hielt inne; dann:
»Die Kirche war voller Blumen. Schauen Sie doch einmal rein, bevor Sie nach London zurückfahren, Meredith, sind alle noch da. Elsie Winthrop hat dabei geholfen, sie zu arrangieren, wissen Sie? Sie war diesmal an der Reihe. Hat eine geschickte Hand für Lilien, wie man mir gesagt hat. Jerry Herseys Schwester Betty Chivers besteht darauf, daß Elsie den Blumenschmuck für Jerrys Beerdigung vorbereitet, weil sie es immer so schön macht, und außerdem ist sie noch immer ihre Freundin, auch wenn Alwyn Jerry erschlagen hat, sagt Betty.«
»Das ist grotesk«, sagte Meredith.
»Meine liebe Meredith, ich bin fast völlig abgehärtet gegen die Seltsamkeiten des Lebens. Habe im Lauf der Zeit schon mit den merkwürdigsten Fällen zu tun gehabt. Wie ich vorhin sagte, hin und wieder kann mich etwas noch richtig aufrütteln, Drogen auf Greyladies zum Beispiel. Aber daß Betty Chivers wünscht, Elsie Winthrop soll für den Blumenschmuck bei Jerrys Beerdigung sorgen? Nein, das überrascht mich nicht im geringsten. Es wird eine sehr große Beerdigung, sogar ein Chor wurde bestellt. Wie ich gehört habe, soll der Bauunternehmer sie bezahlen.« Pfarrer Holland unterbrach sich abrupt.
»Noch Kaffee?«
»Nein, danke, wir müssen bald gehen«, sagte Markby hastig.
»Alwyn wollte Jerry nicht töten.« Meredith beschäftigte sich noch im Geist mit dem, was Pfarrer Holland zuletzt gesagt hatte.
»Ich nehme an, das ist Mrs. Chivers klar. Er ist in Panik geraten.«
»Aber getötet hat er ihn, nicht wahr?« sagte Markby streng.
»Ein kräftiger Kerl, dieser Alwyn. Als Farmer hat er gewußt, wie man einer Kreatur kurz und schmerzlos den Garaus macht. Ein schneller Schlag und ein gebrochenes Genick. Kein Problem.«
»Seien Sie still«, sagte Meredith heftig.
»Das ist ja gräßlich.«
»Ja, das ist es, aber Sie haben das Thema zur Sprache gebracht.«
»Und alles für nichts und wieder nichts.« Meredith erinnerte sich an Barrys Worte.
»Hersey wäre mit seinem Verdacht nie zur Polizei gegangen. So war er nicht. Hätte Alwyn sich nicht so darüber aufgeregt, daß Jessica mit Michael im Pub aufgetaucht war, hätte sein Verstand vielleicht klar genug gearbeitet, um zu begreifen, daß Jerry nur redete und moserte wie immer und keine echte Gefahr darstellte. Ich bin sicher, daß er es später begriffen hat. Er ist Herseys wegen und darüber, daß Betty Chivers jetzt allein ist, sehr betroffen.«
»Ein trauriger Fall«, meinte Pfarrer Holland und stellte die Kaffeebecher auf einem Tablett zusammen.
»Blinde Panik und ein schuldbeladenes Gewissen gleichzeitig in einem so großen, starken Kerl wie Alwyn mußten ja zu Gewalttätigkeit führen.«
»Das ist komisch«, nahm Meredith den Faden auf,
»aber da Sie Alwyns Kräfte erwähnen, fällt mir ein, daß Dolly Carmody erwähnt hat, wie stark die Frauen auf der Farm waren. Nun, arbeitende Frauen waren es ganz allgemein, da sie mit schweren Bügeleisen und Mangeln und so weiter umgehen mußten. Was ich meine, ist, daß Elsie ziemlich kräftig sein muß, obwohl sie allmählich in die Jahre kommt.«
»Bestimmt so kräftig wie ein Mann«, stimmte Markby zu.
»Als sie Rochet mit diesem Schürhaken traf, war das schon ein Schlag. Sie wußte, sie konnte töten, und ich glaube, sie wollte es auch.«
»Und alles für die Farm …«
»Eine Perversion guter Absichten«, sagte Pfarrer Holland.
»Und ein Verbrechen hat zum anderen geführt. Nachdem sie beschlossen hatten, Jamie den Heuboden als Lager benutzen zu lassen, war es bis zum Mord nicht mehr weit. Ein kleines Unrecht führt zu größeren, wie der Heilige Paulus uns weise mahnt. Das muß ich Barry unbedingt begreiflich machen.«
»Eins ist mir noch nicht ganz klar«, sagte Meredith.
»Ich nehme an, es war schlau von Alwyn, daran zu denken, daß er Rochet in dem Graben verschwinden lassen könnte, andererseits aber hatte er viele Hektar Farmland zur Verfügung. Es ist Winthrop-Land, und dort hätte Rochet niemanden ausgraben können.«
»Vielleicht wäre das irgendwann doch passiert, wenn es Alwyn endlich geschafft hätte, das Land an eine Baugesellschaft zu verkaufen«, meinte Markby.
»Vergessen Sie nicht die mündliche Vereinbarung, die er mit Dudley Newman getroffen hatte. Er wollte nicht an Dudley Newman verkaufen und erleben müssen, daß schon bei den ersten Baggerarbeiten das Skelett zutage gefördert wurde. Er fand es sicherer, den Leichnam irgendwohin zu tun, wo er einbetoniert werden würde. Sein Pech war, daß der Graben zu flach war und tiefer ausgebaggert werden mußte. Und das lag zufällig zum Teil daran, daß Alwyns Freund Jerry Hersey, seine Aufsichtspflicht vernachlässigt hatte. Also machte Jerry auf bizarre Weise den ersten Schritt in einer Reihe von Ereignissen, die damit endete, daß er ermordet wurde. Das heißt, eigentlich hat er diesen Schritt ja nicht gemacht. Er vernachlässigte seinen Job, und aus dieser kleinen Eichel wuchs eine mächtige Eiche. Das können Sie in Ihre Predigt einarbeiten, Herr Pfarrer.«
»›Weil ein Nagel fehlte, ging das Hufeisen verloren‹«, zitierte Pfarrer Holland.
»Früher konnte ich das ganze Gedicht auswendig. Es schließt mit einer verlorenen Schlacht ›und alles, weil ein Beschlagnagel fehlte‹.«
»Wahrscheinlich haben noch ein paar andere Dinge die Wahl des Begräbnisplatzes beeinflußt«, fuhr Markby fort.
»Ich nehme zum Beispiel an, der alte Winthrop lehnte es aus reinem Aberglauben ab, daß Rochet auf dem Land von Greyladies beerdigt wurde. Der Gedanke gefiel ihm nicht, in der Nähe eines Mannes zu arbeiten, dem er selbst ins Grab geholfen hatte. Und dann vergeßt nicht, daß es heißt, die alte Begräbnisstätte der Grauen Leute befinde sich irgendwo auf dem Grund und Boden der Baustelle. Vielleicht hat irgendeine unklare überlieferte Erinnerung Alwyn und seinen Vater davon überzeugt, daß es der beste Platz war, den Toten zur Ruhe zu betten, irgendwie passender und respektabler und einer ordnungsgemäßen Beerdigung am nächsten, die sie ihm ja nicht geben konnten.«
»Die Grauen Leute! Wüßt ich doch, daß da noch was war!« rief Pfarrer Holland, schlug sich mit der Hand auf die Knie und fuhr lebhaft fort:
»Bevor Sie gehen, Meredith, möchte ich Ihnen noch etwas Interessantes zeigen.«
»Ach, wirklich?« Meredith’ Augen leuchteten auf.
»Hängt es mit den Grauen Leuten zusammen?«
»Ja. Ich habe mit meinem alten Freund gesprochen, der The Bamford Gazette herausgibt. Die Sache hat ihn interessiert, und er ist in sein Archiv hinuntergestiegen. Und siehe da …« Pfarrer Holland stand auf und holte eine vergilbte Zeitung von seinem Schreibtisch.
»Müssen sehr darauf aufpassen und sie zurückgeben, es ist ihr einziges Archivexemplar. Ein Artikel hier … Vor fast zehn Jahren von diesem Gretton geschrieben, der die Ausgrabungen beim Gebetshaus leitete. Er dachte, es könnte von lokalem Interesse sein, also hat er es aufgeschrieben und dann dem Herausgeber der Gazette geschickt, der es gedruckt hat.« Meredith nahm die Zeitung und überflog den Artikel.
»Also, da soll doch … Guter Gott, Alan, sie sind alle nach Australien gegangen.«
»Was?«
»Hier … Und es wurde anno 1845 unter dem Datum sogar in The Bamford Gazette gemeldet. Gretton hat in seinem Artikel wörtlich den Bericht von damals zitiert. Ich wußte gar nicht, daß die Gazette so alt ist.«
»Wurde 1828 gegründet«, sagte Pfarrer Holland. Meredith reichte Markby die Zeitung und studierte sie genau.
»Ich vermute, daß sie, nachdem das Gebetshaus abgebrannt war, beschlossen, größeren Verlusten vorzubeugen. Gretton weist hier daraufhin, daß jedermann mit einem Handwerksberuf oder einer besonderen Fertigkeit in jenen Tagen eine freie Passage nach Australien bekam, daher war es nur vernünftig von ihnen, hier alles liegen und stehen zu lassen und zu fahren. Fast alle waren offenbar geschickte Handwerker oder Kaufleute. Ihre Namen werden hier zusammen mit ihren Berufen angegeben. Und, Meredith – Sie sollten den letzten Teil lesen.« Meredith nahm ihm die Zeitung wieder ab und fuhr eifrig mit dem Finger die Liste entlang, die Matthew Gretton ausgegraben hatte.
»Fünf Phillips. Das muß die ganze Familie gewesen sein, zu der Mary Anne in der Brandnacht lief, um sie zu alarmieren. Kein Wunder, daß sie sich an sie wandte, sie waren Mitglieder der Sekte.«
»Lesen Sie weiter«, sagte Markby lächelnd.
»Den letzten Namen auf der Liste.«
»Mary Anne Winthrop, Melkerin«, sagte Meredith erstaunt.
»So war das also. Mary Anne hat ein paar Leute aus der Sekte kennengelernt, weil das Gebetshaus so nah bei der Farm war, am wahrscheinlichsten diese Familie Phillips, und sie trat ebenfalls in die Sekte ein. Die Winthrops versuchten wahrscheinlich, das zu verhindern, und als es ihnen nicht gelang, haben sie das Gebetshaus niedergebrannt. Wenn sie mich fragen, waren die Winthrops seit jeher eine gefährliche Gesellschaft. Auf jeden Fall neigten sie zu drastischen Handlungen. Langsam denke ich, daß Mike Denton nur um Haaresbreite davongekommen ist.«
»Am Ende ist Mary Anne die Flucht aber doch gelungen«, sagte Markby.
»Und sie ist mit den anderen in ein neues Leben gesegelt.«
»Vielleicht hat sie einen von den Phillips’ geheiratet«, sagte Meredith.
»Hier sind drei Männer ohne Ehefrauen angeführt.«
»Spekulationen, Miss Mitchell.«
»Ich wette, sie hat’s getan. Ich sag Ihnen noch etwas, in der Familienbibel wurde nichts davon erwähnt. Sie haben festgehalten, daß ein Sturm das Dach abgedeckt hat, nicht aber, daß ein Mitglied der Familie nach Australien ausgewandert ist. Die arme Mary Anne wurde nie wieder erwähnt, als sie sich weiterhin zu ihrer neuen Religion bekannte. Eine unversöhnliche Gesellschaft, diese Winthrops.«
»Kein Ruhmesblatt in Bamfords Geschichte, die Verfolgung der Grauen Leute«, sagte Pfarrer Holland.
»Eines Tages werde ich darüber predigen. Ein gutes Thema.«
»Wir müssen gehen«, sagte Markby energisch.
»Wir haben versprochen, daß Meredith noch nach Greyladies kommt, um sich von Jessica zu verabschieden, ehe sie morgen nach London fährt.«
»Freu mich schon darauf, Sie bald wiederzusehen«, sagte Pfarrer Holland und umschloß Meredith’ Rechte mit seiner mächtigen Pranke.
»Und darauf, Ihren Aufsatz zu lesen.«
»Ich werde ihn schreiben müssen«, sagte Meredith, als sie die Zufahrt des Pfarrhauses entlanggingen.
»Laura wird Sie gern aufnehmen, wenn Sie wiederkommen müssen, um weiter zu recherchieren.«
»Will mich nicht aufdrängen. Ich rufe Sie an, und Sie können mir ein Zimmer im Crossed Keys bestellen.«
»Ich habe ein Haus«, sagte er sanft.
»Hm, nun, darüber müssen wir nachdenken. Müssen Sie in dieser Stadt nicht auf Ihren Ruf achten?«
»Sogar Kriminalbeamte haben ein Privatleben.«
»Ich wette, in Bamford bliebe es nicht lange privat.« Es folgte ein langes Schweigen.
»Wenn Sie sich aber andererseits einen Urlaub in der großen Stadt vorstellen können«, fuhr sie fort,
»ist da Tobys Wohnung in Islington.« Wieder gingen sie eine Zeitlang schweigend weiter.
»Der gute Ruf«, sagte Markby dann unerwartet.
»Die Zeiten ändern sich, aber in so mancher Beziehung ändert sich die Haltung der Menschen nicht mit ihnen. Wenigstens nicht bei den älteren. Ich schätze, unser guter Pfarrer wäre vorhin um ein Haar in ein Fettnäpfchen getreten.«
»Er hat urplötzlich aufgehört zu sprechen, nachdem er Newman erwähnt hatte, nicht wahr? Das ist mir aufgefallen. Was gibt es da für eine Verbindung? Gewiß …« Meredith hielt kurz inne, bevor sie ungläubig fragte:
»Aber doch nicht etwa …«
»Warum denn nicht? Vor Jahren wurden uneheliche Geburten vertuscht, doch der damalige Pfarrer muß zwangsläufig erfahren haben, daß Jerry nicht Betty Chivers Bruder, sondern ihr Sohn war. In irgendeiner Urkunde der Pfarrei steht vielleicht etwas über das Taufregister dieses Tages. Aber auch jetzt, da Jerry tot ist, kann Newman sich nicht offen zu ihm bekennen. Es geht um Bettys Ruf und um seinen eigenen. Seiner Frau würde es vermutlich nicht sehr gut gefallen, und seine Schwiegermutter kann ihn schon jetzt nicht ausstehen.«
»Tatsächlich? Nun, vielleicht weiß sie mehr, als sie zu sagen bereit ist.«
»Das«, sagte Markby,
»ist immer der Fall. Es gehört zu den Dingen, die Polizeiarbeit immer so schwierig machen. Ehrbarkeit, müssen Sie wissen, wird oft höher geschätzt als Gerechtigkeit. Lassen wir Jerry in Frieden ruhen. Aber Newman und Betty Chivers müssen ihr Geheimnis ins Grab mitnehmen.«
Jessica und Michael Denton saßen auf den steinernen Überresten des Gebetshauses in der Koppel und steckten die Köpfe zusammen, als Meredith und Alan Markby sie fanden. In der Nähe graste friedlich das Pony. Der Abend war warm, sonnig, und eine sanfte Brise liebkoste die Blätter auf den Asten der gestürzten Eiche, die noch immer ausgebreitet auf dem Weideland lag. Das Loch in der Hecke war wenig malerisch mit einem Stück Wellblech verschlossen worden.
»Hallo, ihr da!« rief Meredith den beiden zu, sie fuhren
schuldbewußt auseinander und drehten sich um.
»O hallo«, sagte Jessica lächelnd. Meredith und Markby suchten sich ebenfalls Plätze auf den
sonnenwarmen Steinen.
»Wo ist der Hund?« Meredith sah sich um.
»Gewöhnlich taucht er doch als erster auf, wenn Besucher nach Greyladies kommen. Ich habe ihn im Hof nicht gesehen.«
»Mr. Jennet hat ihn, das ist der alte Mann, der jetzt kommt, um uns zu helfen. Er ist Arbeitshunde gewöhnt, und es ist am besten, der Hund bleibt bei jemandem, der weiß, wie man ihn behandeln und wie man ihn füttern muß. Ich meine, Whisky ist kein Haustier, und Dad will ihn nicht töten lassen, weil er ein guter Arbeitshund ist. Mr. Jennet hat selbst noch einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb und hilft manchmal bei den Schafen aus, wenn jemand eine zusätzliche Arbeitskraft braucht, also wird Whisky ihm nützlich sein.«
»Und wie werden Sie es schaffen, Jess?« fragte Markby.
Sie zuckte mit den Schultern.
»Nun, wir machen weiter bis zu den Prozessen – die vermutlich erst in ein paar Monaten stattfinden. Doch wir müssen damit rechnen, daß Dad und Ma Gefängnisstrafen bekommen. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, weitermachen können wir auch nicht. Dads Wille ist gebrochen, und sogar Ma scheint alles egal zu sein. Weil – weil Alwyn nicht mehr da ist.« Sie senkte rasch den Kopf, und Michael Denton umfing ihre Hand und drückte sie tröstend.
»Es geht schon, Mike«, sagte sie, ließ aber seine Hand nicht los. Aufblickend, sagte sie lebhafter:
»Dudley Newman war bei uns.«
»Also, da soll mich doch!« rief Markby ärgerlich.
»Er hätte wenigstens so viel Anstand haben sollen, bis nach den Prozessen zu warten. Ein grober Klotz!«
»Er hat sich entschuldigt, daß er uns jetzt belästigt, aber er hat gesagt, er wolle es nicht riskieren zu warten und dann die Gelegenheit verpassen, Greyladies zu kaufen, wenn es auf den Markt kommen sollte. Er will hier natürlich lauter Häuser bauen und sagt, daß er die Baugenehmigung bekommen kann. Er bietet uns sehr viel Geld.«
»Ach, wirklich?« sagte Markby grimmig.
»Trotzdem, Jessica, würde ich den Besitz von einem unabhängigen Sachverständigen im Hinblick auf seinen Wert als Bauerwartungsland schätzen lassen. Mr. Newman ist Geschäftsmann und auf ein Schnäppchen aus, darauf könnte ich wetten.«
»Keine Sorge«, sagte Denton.
»Ich behalte die Dinge im Auge. Übrigens, Jess und ich wollen heiraten – nachdem alles geregelt ist, natürlich. Das wird ungefähr noch ein, zwei Jahre dauern.«
Meredith und Markby wünschten den beiden Glück, und dann fragte Meredith:
»Werden Sie das Gartencenter und Bauernmuseum auf Witchett eröffnen, Michael?«
»Da läuft alles gut. Dolly ist noch immer begeistert, und wenn er für Greyladies einen guten Preis erzielt, wäre Jess’ Vater daran interessiert, einen Teil des Geldes in das Gartencenter zu investieren. Nicht, daß er sich für Topfpflanzen und Sträucher für Rabatten interessiert. Er kann nicht verstehen, daß man etwas pflanzt, das man nicht essen kann. Aber er war sein Leben lang Dollys Nachbar, und ihm gefällt der Gedanke, daß wenigstens Witchett den Bauunternehmern durch die Lappen geht, wenn schon Greyladies aufgegeben werden muß.«
Alle vier verstummten. Markbys Blick fiel auf die gestürzte Eiche.
»Schöne Menge altes Holz«, sagte er.
»Soll der Baum liegenbleiben, wo er liegt?«
»Nein, nächste Woche kommt jemand mit einer Kettensäge, um ihn zu zerschneiden.« Jessica starrte den Baum finster an.
»Immer wieder hab ich Dad wegen des Baumes in den Ohren gelegen. Hatte immer Angst, er würde bei Sturm auf Nelson stürzen.«
Das Pony sah von seiner geräuschvollen Grasmahlzeit auf und wieherte.
»Ich glaube, Jamie macht im Krankenhaus gute Fortschritte«, sagte Markby nach einer Weile und bedauerte sofort, daß er gesprochen hatte.
»Das ist mir egal!« brach es leidenschaftlich aus Jessica heraus.
»Nein, stimmt gar nicht, ich wünschte, er wäre tot!«
»Komm schon, Jess, das meinst du doch nicht wirklich«, sagte Michael beschwichtigend.
»Warum nicht? Er ist mein Bruder, ja, aber er hat nur Unglück über uns gebracht. Alwyn hat sich immer von ihm beeinflussen lassen. Jamie hat gewußt, wie er Alwyn beeindrukken kann, hat dauernd von großen Geschäften und Besitz geredet, den er angeblich im Ausland hatte. Alwyn war immer ein sehr redlicher Mensch. Hat sich nie vorstellen können, daß jemand so verschlagen und hinterhältig sein kann wie Jamie.«
»Das wird bei Gericht alles zu Alwyns Gunsten sprechen«, sagte Markby tröstend.
»Aber viel helfen wird es ihm nicht, oder?« fragte sie bitter.
»Er hat Jerry getötet und kann die Schuld auf niemand anders schieben. Wahrscheinlich bekommt er lebenslänglich oder wenigstens eine andere langjährige Haftstrafe.«
»Dazu darf ich leider nichts sagen«, meinte Markby. Jessica schob sich das lange Haar aus dem Gesicht.
»Ich dachte, er hätte auch den anderen getötet, wußte nicht, daß es Ma war … Ich – ich habe Blumen zur Baustelle gebracht und sie an den Platz gelegt, wo man den Leichnam gefunden hatte. Es klingt albern, aber ich wollte damit sagen, daß mir irgendwie leid tat, was wir getan hatten.«
»Sie waren das?« sagte Markby.
»Mein Sergeant hat einen Strauß Schlüsselblumen gesehen und konnte sich nicht vorstellen, wer sie hingelegt hatte. Es bereitete uns eine Zeitlang Kopfzerbrechen.«
»Wirklich?« fragte Jessica.
»Das war nicht meine Absicht.«
»Natürlich war es nicht deine Absicht«, sagte Michael Denton aggressiv.
»Es hat uns nicht ernstlich beunruhigt«, sagte Markby hastig.
»Wir haben uns nur gewundert.«
»Aber geholfen habe ich Ihnen damit nicht«, unterbrach sie ihn.
»Auf diese oder jene Weise waren wir alle schuld. Die andern haben sich von Jamie manipulieren lassen. Bei mir ist es ihm nie gelungen, also haben sie mich von ihm ferngehalten. Sie wußten, ich würde protestieren. Schon als kleines Kind habe ich ihn durchschaut, und sie wußten, ich würde sagen, sie sollten es nicht tun, und ihnen einige Wahrheiten über Jamie ins Gesicht sagen, die sie nicht hören wollten. Aber ich wußte, daß sie irgend etwas im Schilde führen, und ich habe sie den armen Mann wegtragen gesehen. Nein, laß mich reden, Mike, es muß gesagt werden. Ich hätte Jerry retten können, nicht wahr, wenn ich wegen des ersten Mannes sofort zur Polizei gegangen wäre? Wird man mich anklagen, Mr. Markby? Weil ich Beweise zurückgehalten habe oder so? Oder bin ich eine Komplizin?«
»Soviel ich weiß, ist es unwahrscheinlich, daß man Sie anklagt, Jessica. Die Anklagevertretung hat mit den Verfahren gegen die anderen Mitglieder Ihrer Familie ein volles Programm. Sie haben von dem Heroin nichts gewußt. Ihre Familie hat Sie herausgehalten und ist sogar so weit gegangen, Sie in Ihrem Zimmer einzusperren. Sie haben versucht, Meredith zu helfen, und als Sie von ihr die Wahrheit erfuhren, haben Sie unmißverständlich erklärt, daß Sie zur Polizei gehen würden. Außerdem«, sagte Markby verlegen,
»verzeihen Sie, daß ich es erwähne, hatten Sie erst vor kurzem einen Nervenzusammenbruch.« Michael warf ihm einen Blick zu, den man nur giftig nennen konnte, aber Jessica verzog nur leicht das Gesicht.
»Sie dürfen ruhig darüber sprechen, es macht mir nichts aus. Und wenn es mir nichts ausmacht, Mike, braucht es dich erst recht nicht zu stören. Man muß mich nicht behüten – das habe ich dem armen Alwyn immer wieder gesagt. Er wollte nicht auf mich hören. Das war es nämlich, was er eigentlich immer versucht hat, weißt du, dauernd wollte er sich um mich kümmern.« Wieder schwiegen alle verlegen, und sie warf die langen Haare zurück.
»Sie haben Ma erlaubt, Jamie im Krankenhaus zu besuchen. Sie nennt ihn noch immer ›unseren Jamie‹, und ich kann ihr nicht begreiflich machen, wie unrecht das alles war.« Jessica trat mit den Absätzen gegen die geschwärzten Steine der Ruine.
»Sie hält ihn auch jetzt noch für ungemein tüchtig in geschäftlichen Dingen. ›Unser Jamie war seit jeher ein kluger Kopf‹, hat sie ganz stolz gesagt, als sie aus dem Krankenhaus zurückkam. ›Sobald er das hinter sich hat, wird er wieder auf festen Beinen stehen.‹ Weil ich so zornig und frustriert war, nicht weil ich sie verletzen wollte, habe ich geantwortet: ›Sie werden ihn für viele, viele Jahre einsperren, Ma, und das ist ganz richtig so.‹ Und sie darauf: ›Oh, unser Jamie hat einen sehr geschickten Anwalt.‹ Ich fragte sie, ob ›unser Jamie‹ diesen geschickten Anwalt bezahlen würde, damit er auch sie und Dad und Alwyn vertrat. Doch sie sagte nur, sie und Dad seien nicht wichtig. ›Was mit unserem Alwyn ist, weiß ich nicht‹, sagte sie. ›Ich glaube allerdings, sie werden verstehen, daß er es nicht böse gemeint hat.‹ Ehrlich, ich komme einfach nicht an sie heran.«
»Laß es sein, Jess«, sagte Michael eindringlich.
»Versuch es zu verdrängen.« Er blickte auf und sah Meredith und Markby herausfordernd an.
»Sie braucht nicht jede verdammte Sekunde daran erinnert zu werden.«
»Na schön, wir fahren jetzt«, sagte Markby, der sich getadelt fühlte.
»Ich komme wahrscheinlich in ein paar Wochen wieder«, sagte Meredith.
»Und ich hoffe – ja, ich hoffe sehr, daß alles so gutgeht wie nur möglich.«
»Danke. Tut mir leid, daß Sie einen solchen Schreck hatten, Meredith.«
»Oh«, sagte Meredith,
»ich bin hart im Nehmen.«
»Sind Sie das wirklich?« fragte Markby, als sie zum Wagen zurückgingen.
»Hart im Nehmen?«
»Elastisch auf jeden Fall.«
»Ich hoffe, das ist Elsie Winthrop auch. Sie mag noch nicht akzeptieren, wie schwerwiegend das Geschehene ist, wie Jess eben beklagt hat. Aber der Moment wird kommen, in dem sie sich stellen muß, vermutlich wenn die Haftstrafen ausgesprochen werden. Ich habe Menschen wie Elsie zu Berserkern werden sehen, wenn sie endlich den Tatsachen ins Gesicht sehen mußten. Ihre Gehirne sind es nicht gewohnt, neue Ideen und Situationen aufzunehmen, und dann explodieren sie wie ein mentaler Zeitzünder. Elsie ist auch ein Tyrann und akzeptiert nicht, wenn andere über sie bestimmen. Ich schätze, die ganze Tragweite ist ihr noch nicht aufgegangen. Ich werde nie vergessen, wie es war, als ich in die Küche kam, und sie trug Jess nur auf, den Kessel für mehr Tee aufzusetzen.«
»Arme, traurige Winthrops. So viele Generationen auf dieser Farm im Abseits, ausschließlich mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Elsie war immer eine Winthrop, wußten Sie das? Das hat Pfarrer Holland ausgegraben. Sie war eine Art Cousine und auch eine geborene Winthrop.«
»Das eröffnet interessante Möglichkeiten der Inzucht. Wahrscheinlich haben sie sich seit Generationen gegenseitig geheiratet. Wahrscheinlich haben sie keinem getraut, dessen Name nicht Winthrop war. Das Ganze ist unglaublich deprimierend. Können wir nicht über etwas anderes sprechen?«
»Ja, aber ein letztes Wort muß ich noch dazu sagen. Wissen Sie, Alan, ich habe nachgedacht. Erinnern Sie sich, daß Steve Wetherall gesagt hat, wann immer er sein Leben satt habe, brauche er nur an Alwyn Winthrops Leben zu denken und fühle sich gleich wohler? Nun, das hat mich realistischer über das Foreign Office und meinen Schreibtischjob denken lassen, den man mir in London aufgezwungen hat. Es ist nicht das, was ich mir ausgesucht hätte, doch es hätte viel schlimmer kommen können, und ich habe immer die Hoffnung, daß sich etwas ändert. Ich werde also nicht mehr meckern oder meine Kündigung einreichen. Ich werde ganz einfach weiterdienen und auf einen Überseeposten in ferner Zukunft hoffen.«
»Irgendwie habe ich mir schon gedacht, daß Sie das tun würden«, sagte Markby niedergeschlagen. Meredith schob den Arm durch den seinen.
»Was immer passiert, Alan, ich glaube nicht daran, daß Sie und ich uns eines Tages Musterhäuser ansehen werden.«
»Vielleicht nicht.« Sie drückte seinen Arm.
»Sie haben nicht vergessen, daß wir Punkt sieben bei Ken und Susie zu einem Hackbraten eingeladen sind? Wir sollten heute lieber nicht zu spät kommen, damit der Hackbraten nicht zu einem soliden Ziegelstein verbrutzelt, wie beim ersten Mal, als wir es nicht geschafft hatten, der Einladung Folge zu leisten. Susie ist ganz wild darauf, aus erster Hand von meinen Abenteuern zu erfahren. Ich hatte noch keine Zeit, mich mit ihr zusammenzusetzen und ihr alles zu erzählen. Sie haben übrigens ihre Reise nach Schottland abgesagt und fahren zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sie mehr Zeit haben. Sie haben sich die Landkarte angesehen und die Reiseführer gelesen und sind zu dem Schluß gekommen, daß sie wenigstens vierzehn Tage brauchen, also fahren sie im Sommer. Susie hat nur noch Lochs und Uferböschungen, Bens und Glens und so weiter im Kopf. Ken hat schottische Vorfahren, nach denen wollen sie forschen und hoffen, den Laird von MacSoundso zu finden. Doch da wir mit unseren interessanten Tischgesprächen zum Essen kommen, wird sie das für die entgangene Reise in den Norden entschädigen. Sie sagt, was wir zu berichten haben, schlägt alles, was sie bei den Treffen des Komitees zum Schutz der Nachbarschaft besprochen hätten.«
»Gut, aber bitte beschränken Sie sich darauf, ihr zu erzählen, was Sie erlebt haben, und ziehen Sie mich nicht hinein.« Sie fuhren durch die Außenbezirke von Bamford.
»Das alles war schon ziemlich merkwürdig, nicht wahr?« sagte Meredith nachdenklich.
»Wenn ich an das denke, was Pfarrer Holland uns erzählt hat und was vor so vielen Jahren im Gebetshaus und am vergangenen Freitag geschehen ist. Als ich Mike und Jessica in der Nachmittagssonne händchenhaltend auf diesen alten Mauerbrocken sitzen sah und das Pony graste und alles so friedlich war, habe ich mich unwillkürlich gefragt, ob die Grauen Leute wissen, daß sie gerächt wurden.«
»Ich hätte gedacht, daß sie dort, wo ihre spirituellen Leiber jetzt auch sein mögen, über alle Rachegedanken erhaben sind.«
»Es ist nur, weil ich es, als ich zum ersten Mal dort war, um einen Grundriß zu zeichnen, ziemlich unheimlich fand. Ich hatte das Gefühl, daß mich jemand beobachtete. Es war kein glücklicher Ort. Jetzt liegen, trotz Jamies Unfall, Ruhe und Frieden darüber. Es kommt mir vor wie der Schluß von Emily Brontës Sturmhöhe. Sie wissen doch: ›Ich lauschte dem sanften Wind, der im Gras atmete; und ich fragte mich, wie jemand je glauben konnte, die Schläfer in der stillen Erde hätten einen unruhigen Schlaf.‹«
»Sie sind ein bißchen überspannt, mein Mädchen«, sagte Markby.